Wien. (est) Es ist keine Frage, ob intelligente Stromnetze einmal kommen werden und ob man sie will oder nicht. "Smart Grids sind hier", erklärte Brigitte Bach, Leiterin des Energy Departments am Austrian Institute of Technology (AIT), zum Auftakt der wichtigsten Konferenz für Elektrotechnik, der "Iecon 2013", am Montag vor Journalisten in Wien.

Intelligente Stromnetze, genannt Smart Grids, sollen erneuerbare Energieträger wie Sonne, Wind oder Wasser effizient in Strom umwandeln und diesen möglichst sparsam transportieren, verteilen, regeln und steuern. Dabei müssen die Vor- und Nachteile der Erneuerbaren ausgeglichen werden - etwa schwankt die Verfügbarkeit, weil ja nicht immer der Wind geht oder nicht überall gleich viel Sonne scheint. Smart Grids sollen die Energie bedarfsgerecht in Gebäude leiten, deren Bewohner ihren Verbrauch wiederum danach richten sollen, wann am meisten davon zur Verfügung steht. Je mehr Photovoltaik-, Wind oder Wasseranlagen ein Land hat, desto komplexer wird die Verteilung und desto größer werde der Bedarf an intelligenten Netzen sein, sagte Bach. Zudem sollen die Gebäude - etwa über Solarpaneele auf dem Dach - selbst Energie erzeugen und sie ins Netz zurückspeisen.

Smart Grids werden derzeit in Modellregionen gestestet. Etwa überprüfen Salzburger Strombetreiber in der Gemeinde Köstendorf, wie Gebäude ihre Lasten ins Netz verschieben können. Eine kritische Dichte an Photovoltaik wurde hergestellt, um zu sehen, wie der Energieaustausch, der stets eine Balance zwischen Bedarf und Verfügbarkeit herstellen soll, in der Praxis funktioniert. "In vielen Bereichen kommen wir nicht mehr durch noch bessere Einzellösungen weiter. Die Herausforderung liegt darin, diese zusammenzuführen und einen systemischen Blick zu schaffen", betonte Sabine Herlitschka, Technik-Vorstand bei Infineon Austria. Alleine durch die Verwendung von Halbleiter-Leistungselektronik, sogenannten "Energiesparchips", könnte bis zu 30 Prozent der verbrauchten Elektrizität eingespart werden. Je dünner der Chip, desto weniger Reibungsverlust hat er bei der Leitung von Elektrizität. Nun müssten die besten Lösungen in der Praxis ausprobiert werden - Verbesserung von Schnittstellen und die Kompatibilität der einzelnen Komponenten seien der springende Punkt, erklärte Herlitschka.

Führungsrolle für Europa?

Auch die Konsumenten seien zunehmend bereit, mitzumachen: "Wir versuchen, auf den Klimawandel zu reagieren und uns daraus einen Wettbewerbsvorteil zu schaffen, indem wir Lead User im Infrastrukturbereich als Sparring Partner gewinnen und sich die Industrie diesen Wettbewerbsvorteil zunutze macht", sagte Bach. "Wir müssen Lösungen anbieten, die so attraktiv sind, dass niemand daran vorbeikommt", fand auch Herlitschka. Das Smartphone werde ja auch nicht verwendet, weil die dahinter steckende Technologie so toll sei, sondern weil es verlockend, einfach und attraktiv sei. Herlitschka sieht darin einen Wettbewerbsvorteil für ganz Europa: "Wir müssen starke Partner aus Europa gewinnen als Lead User. Eine europäische Wertschöpfungskette ist das große strategische Ziel", sagte sie.

Bis zur Marktfähigkeit der Technologie, in der Europa führend sein könnte, wird aber noch etwas Zeit vergehen. Derzeit sei man dabei, die Erfahrungen auf europäischer Ebene zusammenzuführen, sagte Bach. Erst danach könne es Richtung Produktentwicklung und einer Standardisierung gehen. Die Iecon 2013, das Jahrestreffen des weltgrößten Techniker-Verbands IEEE (Institute of Electrical and Electronics Engineers), wird heuer vom AIT und der Technischen Universität (TU) Wien organisiert. Bis Donnerstag treffen sich rund 1500 Teilnehmer aus Forschung und Industrie in Wien.