Brüssel/Wien. (est) Eine geochemische Uhr, die Vulkanausbrüche vorhersagen kann. Die Auswirkungen von Dunkler Materie auf die Gravitationstheorie. Verantwortung, Haftung und Risiken bei der Übertragung von Aufgaben an intelligente Computersysteme. Der Einfluss von Genetik und Umwelt auf die Verschaltung des embryonalen Gehirns. Diese und ähnliche Projekte hat der Europäische Forschungsrat (European Research Council, ERC) heuer für seine begehrten "Consolidator Grants" ausgewählt.

Im Rahmen dieser neuen Förderschiene werden insgesamt fast 575 Millionen Euro an 312 exzellente europäische Grundlagenforscher vergeben, die in der Mitte ihrer wissenschaftlichen Laufbahn stehen. Jeder erhält bis zu 2,75 Millionen Euro - im Durchschnitt 1,84 Millionen Euro. Bei den "Consolidator Grants" handelt es sich um eine 2012 vom ERC eingeführte Preiskategorie für Wissenschafter, deren Doktorat zwischen sieben und zwölf Jahre zurückliegt, die ihre Laufbahn entwickeln und ihre selbständige Forschungstätigkeit weiter konsolidieren wollen. Die Zielgruppe für die "Starting Grants" wurde dafür kleiner: Diese Preise stehen nur noch Forschern offen, die sich zwei Jahre bis sieben Jahre nach ihrem Doktorat oder PhD befinden.

"Diese Wissenschafter leisten bahnbrechende Arbeit, die unser Wissen und die Gesellschaft voranbringen wird", betont der neue Präsident des ERC, der französische Mathematiker Jean-Pierre Bourguignon: "Steigende Antragszahlen besonders von jungen Forschern zeigen, dass diese Art der Förderung für Grundlagenforschung dringend gebraucht wird. Bedingungen, in denen neue Forschergenerationen sich entfalten können, sind entscheidend für Europa." Mit über 3600 Bewerbungen ist die Zahl der Anträge gegenüber dem Vorjahr um 46 Prozent gestiegen. 24 Prozent der erfolgreichen Kandidaten sind Frauen, ihr Anteil hat sich um 22,5 Prozent erhöht. Im Durchschnitt sind die Preisträger 39 Jahre alt. Die meisten von ihnen kommen aus Deutschland (48), gefolgt von Italien (46) und Frankreich (33).

Auch sechs in Österreich tätige Wissenschafter und vier im Ausland tätige österreichische Forscher erhalten den "Consolidator Grant". Steffen Fritz vom Internationalen Institut für angewandte Systemanalyse (IIASA) in Laxenburg bei Wien bekommt 1,4 Millionen Euro für ein Geo-Wiki-Projekt, bei dem Bürger als "citizen scientists" in der Forschung über die Landnutzung mitarbeiten sollen.

Quanten-Kommunikation

Fumiyo Ikeda vom Institut für Molekulare Biotechnologie (Imba) der Akademie der Wissenschaften (ÖAW) in Wien forscht in ihrem mit zwei Millionen Euro dotierten Projekt über Ubiquitinierung: Ubiquitin ist ein Protein, das biologische Funktionen reguliert, etwa den Abbau von Proteinen.

Der Computerwissenschafter Vladimir Kolmogorov vom Institute of Science and Technology (IST) Austria in Klosterneuburg erhält 1,6 Millionen für ein Projekt, bei dem er Algorithmen Aufmerksamkeit schenkt, die die Computervision revolutioniert haben.

Der Quantenphysiker Arno Rauschenbeutel vom Atominstitut der Technischen Universität (TU) Wien wird sich in seinem mit zwei Millionen Euro geförderten Projekt mit der Entwicklung von Grundbausteinen für ein Glasfaser-Kommunikationsnetz beschäftigen, mit dem man Quanteninformation zwischen Kontinenten teleportieren kann. Als Speicher- und Recheneinheit dienen dabei Atome, die mittels Glasfasern an Lichtsignale gekoppelt werden.

Der Aerosolphysiker Paul Winkler von der Uni Wien will untersuchen, wie in der Atmosphäre winzige Partikel (Aerosolteilchen) entstehen, die entscheidend bei der Wolkenbildung sind. Der Experimentalphysiker Florian Schreck vom Institut für Quantenoptik und Quanteninformation (IQOQI) der ÖAW in Innsbruck wird seine Forschungen über Quantenvielteilchensysteme als Professor der Uni Amsterdam durchführen.