Wien. In 500 klinischen Studien in ganz Österreich erproben derzeit rund 7000 Patienten neueste Medikamente. Die Behandlung von Krebs und Herz-Kreislaufleiden, die in Summe rund 70 Prozent der Österreicher betreffen, bildet den Schwerpunkt dieser Prüfungen. Erfolgreiche Therapien könnten massentauglich werden. Doch weil die Investitionen im Sektor Wissenschaft stagnieren, könnten Forscher, Möglichkeiten und Unternehmen abhanden kommen.

Die Entscheidung so mancher auch hierzulande angesiedelten internationalen Pharmakonzerne könnte nämlich künftig dahin gehen, sich bessere Standorte zu suchen. "Die Forschung der Pharmaindustrie geht dorthin, wo die Untersuchungen qualitativ hochwertig und möglichst reibungslos durchgeführt werden können", erklärte Wolfgang Bonitz, Leiter des Arbeitskreises für klinische Forschung im Verband der pharmazeutischen Industrie Österreichs (Pharmig), am Montag anlässlich des Internationalen Tags der Klinischen Forschung.

Obwohl bis 2020 eine Forschungsquote von 3,76 Prozent des Bruttoinlandsprodukts angestrebt ist, wird der Anteil laut Statistik Austria im kommenden Jahr von 2,9 auf 2,88 Prozent sinken. Jedoch trägt auch die EU dazu bei, den Standort Österreich alt aussehen zu lassen. Denn ab 2016 wird aufgrund einer Harmonisierung der klinischen Forschung auf EU-Ebene "der österreichische Vorteil schneller Entscheidungen wegfallen", so Bonitz.

Noch hat Österreich bei einem Antrag auf die Durchführung einer klinischen Studie nur eine Frist von 35 Tagen vor deren Beginn. In vielen anderen EU-Ländern sind es 60 Tage. Ab 2016 soll diese Frist für alle gleich lang sein. Die Attraktivität Österreichs nimmt damit ab.

Dieser Nachteil könnte nur durch einen schnellen Ausbau der organisatorischen und fachlichen Kapazitäten an den heimischen Zentren ausgeglichen werden. "Wir müssen auf Attraktivität achten, um internationale Projekte zu uns zu bringen", betonte Bonitz. Ebenso sei es nötig, sowohl Forscher im Land zu halten, als auch Nachwuchsforscher nach Österreich zu holen. Dazu brauche es eine "aggressive, klare und öffentlichkeits-verständliche Strategie", betonte Pharmig-Generalsekretär Jan Oliver Huber.

Auch eine breitere Vernetzung der heimischen Zentren könnte Österreich zur Rolle eines großen internationalen Players verhelfen. Unterstützt werden sollte auch die Zusammenarbeit zwischen Medizinunis und Universitätskliniken mit interessierten kleineren Spitälern bis hin zum niedergelassenen Arzt, betonte Markus Müller, Vorstand der Wiener Universitätsklinik für klinische Pharmakologie und Forschungsvizerektor der Medizinuni Wien.

150 bis 200 Millionen Euro stecken die heimischen, großteils internationalen, Pharmafirmen pro Jahr in die klinische Forschung des Landes. Davon profitieren auch die Spitäler, die sich für die rund 7000 Studienteilnehmer die Therapiekosten ersparen.

Zur Situation der heimischen Wissenschaftsförderung hatte Müller ein abgewandeltes Zitat von Franz Grillparzer parat: "Das ist der Fluch von diesem edlen Hause, auf halben Wegen und mit halber Kraft zu halben Zielen zögernd fortzuschreiten."