Die Ludwig Boltzmann Gesellschaft (LBG) startet 2015 eine Modellinitiative zur Bürgerbeteiligung in den Gesundheitswissenschaften. Im Rahmen des Projekts sollen Forschungsfragen zu psychischen Erkrankungen formuliert werden. Diese sei die erste Initiative zur gezielten Öffnung von Forschungsprozessen in den Gesundheitswissenschaften, erklärte LBG-Präsident Josef Pröll in einer Aussendung: "Traditionell werden Forschungsthemen von der Wissenschaftscommunity im Sinne der akademischen Freiheit selbst bestimmt, aber auch Politik und Wirtschaft reden mit. Was bisher fehlt, ist ein direkter Einfluss der Bürger auf Forschungsfragen", so Pröll.

Doch können, sollen Fachfremde ein Sagen über Experten-Themen haben? Oder ist das, als würde die Anzeigenabteilung einer Tageszeitung den Journalisten vorgeben, welche Zugänge sie im Blatt sehen möchte, damit die Kassen klingeln? In Österreich wurden bisher kaum die Bürger befragt, welche Forschungsthemen ihnen unter den Nägeln brennen. Die LBG will nun austesten, wie gut ein Crowdsourcing-Ansatz zur wissenschaftlichen Themenfindung geeignet ist. Weiters plant sie ab 2016 ein Ausbildungsprogramm, das Forschern die "Open-Innovation"-Methoden nahebringen soll. Sie will erforschen, ob dies tatsächlich den Nerv von Forschern in mittleren Karrierestufen trifft.

Einen radikalen Aufruf zur Bürgerbeteiligung haben die Wissenschaftsforscherin Helga Nowotny und der Leiter des Zentrums für Molekulare Medizin (CeMM) in Wien, Guilio Superti-Furga, gestartet. Sie sind die ersten Österreicher, die ihr Genom ins Internet stellen lassen. Das Projekt "Genom Austria" sucht insgesamt 20 Freiwillige, die bereit sind, es ihnen gleichzutun. Die Initiative soll zu Diskussionen über Chancen und Risiken der Technik in allen Lebensbereichen führen. Superti-Furga, "Zuwanderer" norditalienischer Abstammung, der ständig mit dem Sequenzieren von Genen und der Analyse von Gendaten beschäftigt ist, betonte vor Journalisten: "Wer wir sind, geht uns alle etwas an."

Neue Geschäftsmodelle


Eine auf den ersten Blick ähnliche Ansicht scheint jene heimische Versicherung zu vertreten, die ihre Kunden dazu einlädt, gegen Vertragsvergünstigungen ihre Gesundheitsdaten ins Internet zu stellen. Was ist der Unterschied in der Art der Offenheit? Für Superti-Furga liegt er im kommerziellen Interesse: Besonders bei der Verwendung von Genomdaten "geht es darum, darüber zu reden". Die Technik sei zu wichtig, um sich "Ready Made"-Programme überstülpen zu lassen. Eine demokratische Gesellschaft habe die Möglichkeit, "selbstbestimmt mit dem Wissen über die Erbanlagen umzugehen". Auf die Daten aufsetzen sollen Diskussionen zum Thema Genomforschung mit den biologischen, medizinischen, philosophischen, juristischen und sozialen Aspekten der Technik.

Ein weiterer "Open Science"-Ansatz ist "Open Notebook Science". Bei dem Konzept soll der Forschungsprozess öffentlich einsehbar sein. Wer glaubt, dass niemand sich gerne bei der Arbeit über die Schultern schauen lässt, denkt nicht an die Vorteile. "Eines ist klar: Man käme viel schneller voran", sagt Wilfried Feichtinger, Wiener Pionier der künstlichen Befruchtung. Er erklärt: "Die britischen Pioniere der In-vitro-Fertilisation, Robert Edwards und Patrick Steptoe, hielten 1977 ihre Methode unter Verschluss, sodass wir hier in Österreich lange die falschen Sachen machten. Erst ein australisches Team um Alexander Lopata ging offen mit ihren Methoden um. Das haben wir dann auch so gemacht."

So offen wie der Umgang mitForschungsresultaten werden soll, ist auch die Frage der Bezahlung. "Open Access meint den entgeltfreien Zugang zu wissenschaftlicher Information. Dies führt zwangsläufig zu einer Umverteilung der Kostenlast", klärt die deutsche Informationsplattform "Open Access" auf. Der Betrieb der Website, die Administration, das Auswahlverfahren, die Qualitätssicherung und nicht zuletzt die Peers "werden nun nicht mehr von Nutzern und Bibliotheken getragen, sondern von den Autoren und Forschungseinrichtungen". Dass Forscher und Unis dann eher Themen zur Publikation einreichen, die langfristig gewinnbringend sein könnten, ist zumindest denkbar.