Wien. Der Wissenschaftsfonds FWF, Österreichs größte Agentur zur Förderung der Grundlagenforschung, kann heuer weniger Nebenkosten (Overheads) für Forschungsprojekte auszahlen als geplant. In einer Aussendung begründet er dies damit, dass er den diesbezüglichen Finanzbedarf für 2014/15 zu konservativ, also zu niedrig, angesetzt habe.

Wenn Wissenschafter an Universitäten Drittmittel-Förderungen für Forschungsprojekte einwerben, entstehen der Universität Nebenkosten für Räumlichkeiten, Anschaffungen oder Gerätewartung. In den vergangenen Jahren zahlte der FWF zusätzlich zur Fördersumme für die Gehälter der Forscher 20 Prozent an indirekten Projektkosten für die Inanspruchnahme von Ressourcen an Universitäten aus. Da diese Nebenkosten etappenweise überwiesen werden und der Betrag vom Anteil der abgerufenen Förderungen abhängt, ist ihre Höhe nur ungefähr berechenbar. Zudem sind die Overheads nicht Teil des Jahresbudgets des FWF von 183 Millionen Euro, sondern müssen jedes Jahr neu verhandelt und aus den Offensivmitteln des Wissenschaftsministeriums zugeteilt werden.

"Ein Schuss in beide Knie"


Nun will sich der FWF die Latte zu niedrig gelegt haben, wodurch ihm nach eigenen Aussagen im ersten Halbjahr 2015 nur zehn Prozent und im zweiten Halbjahr nur acht Prozent für die Overheads zur Verfügung stehen. Wissenschafter wollen diese Begründung aber nicht kaufen. Für sie steht fest: Österreichs Forschungsgelder müssten anders verteilt werden. "Zu sagen, der FWF habe zu konservativ kalkuliert, ist die bequeme Version. In Wirklichkeit ist der FWF unterdotiert", betont Kuratoriumsmitglied Kurt Kotrschal, Chef der Konrad-Lorenz-Forschungsstelle für Verhaltensbiologie in Grünau. "An dieser einzigen Agentur hängt die heimische Top-Grundlagenforschung", so Kotrschal. Harte Maßstäbe bei Evaluierungen würden die Qualität der bewilligten Projekte garantieren, schrumpfende Budgets jedoch die Bewilligungsrate auf derzeit 20 Prozent senken. "Das führt den beständigen Aufwärtsflug der Grundlagenforschung in die Stagnation", sagt der Verhaltensforscher: ".Wenn nun auch die Overheads zurückgefahren werden, ist das ein Schuss in beide Knie. Dann geht nämlich auch der Lenkungseffekt in Richtung Qualität, Publikationen und guten Nachwuchs verloren - der auch durch Geld motiviert wird."

Am Wochenende hatten sich die Träger des Wittgensteinpreises, der höchsten Wissenschaftsauszeichnung Österreichs, in einem Offenen Brief "ob der kursierenden Pläne der finanziellen Demontage der Grundlagenforschung extrem beunruhigt" gezeigt. "Es ist keine schöne Situation, wenn die Overheads heuer so sind und nächstes Jahr anders", erklärt Ulrike Diebold, Festkörperphysikerin und Sprecherin der Initiative: "Zehn und acht Prozent sind sehr wenig. In den USA würden wir an einer Hochschule wie der TU Wien 60 Prozent Overheads bekommen." Eine im FWF-Magazin "Info" publizierte Vollkosten-Rechnung der Allen Consulting Group aus 2009 zeigt, dass es in den Natur- und Ingenieurswissenschafien sogar bis zu 80 Prozent wären.

Kotrschal kritisiert die Verteilung der Mittel. "Es ist ein Armutszeugnis. Wenn man sich vorstellt, dass in Österreichs Forschung und Entwicklung die ansehnliche Summe von fast vier Milliarden Euro fließt, ist es unverständlich, dass nicht weitere 100 Millionen der Grundlagenforschung zukommen können, die die Wiege der Innovation ist". Eine Umschichtung allein dieses Betrags aus nicht-evaluierten Töpfen würde zwei Jahre an Overheads ermöglichen.

Mit Bedauern nahm der Präsident der Universitätenkonferenz, Heinrich Schmidinger, die beabsichtigte Kürzung der Overheads zur Kenntnis. "Ich appelliere an alle Beteiligten, sich für eine Lösung einzusetzen und dem FWF und den Universitäten diese dringend benötigten Mittel doch noch zu sichern", sagte er am Dienstag. Das bei der Klausur der Bundesregierung präsentierte "Gemeinnützigkeitspaket" könne zusätzliche Ressourcen für Wissenschaft und Forschung versprechen. Auch der FWF hofft auf eine Lösung in letzter Minute. "Die Degression ist das Worst Case-Szenario", sagte Sprecher Marc Seumenicht: "Wir hoffen, die Lücke doch noch schließen zu können." Der Lücke steht die Anhebung der Forschungsprämie für Unternehmen von zehn auf 12 Prozent gegenüber - Kostenpunkt: 80 Millionen Euro. "Das ist ein Schlag ins Gesicht für Grundlagenforschung und Universitäten", sagte die Grüne Wissenschaftssprecherin Sigrid Maurer: "Die Forschungsprämie wurde nie evaluiert und kommt in erster Linie Großunternehmen zugute."