Wien. Klassische Jäger- und Sammlergesellschaften leben meist völlig gleichberechtigt: Zwischen Männern und Frauen werden ebenso wenig Unterschiede gemacht wie zwischen Kindern und Erwachsenen. Von ihren egalitären Gesellschaftsstrukturen lassen sich auch Schlüsse für westliche Gesellschaften ableiten. 400 Wissenschafter in Wien untersuchen dies derzeit in Wien.

Heute gibt es weltweit vermutlich noch rund fünf bis zehn Jäger-und Sammlergesellschaften, die weitgehend unberührt leben, erklärte Khaled Hakami vom Institut für Sozialanthropologie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). Eine davon sind die Maniq, die im Regenwald im Süden Thailands ihre Heimat haben. Die rund 350 bis 400 Menschen leben in kleinen Gruppen, nomadisch, völlig ohne Eigentum und meist konfliktfrei.

Nicht universal, sondern kulturell

"Wir nehmen oft an, dass gewisse Dinge - etwa der Umgang mit Kindern oder männliche Aggression beim Autofahren - biologisch im Menschen angelegt sind. Durch die Beobachtung von Jäger- und Sammlergesellschaften kann man zeigen, dass diese Verhaltensweisen jedoch nicht universal, sondern vielmehr kulturell bedingt sind", so Hakami.

Die Maniq leben beispielsweise gleichberechtigt, es gibt weder Unterschiede zwischen den Geschlechtern noch zwischen den Altersgruppen. Auch Hierarchien oder einen Anführer kennen sie nicht. "Gewisse Umverteilungsmechanismen garantieren, dass alle gleichgestellt sind", erklärte der Wissenschafter. So legt beispielsweise der Jäger seine Beute ab, das Häuten übernimmt ein weiteres Gruppenmitglied, das Zerteilen und Zubereiten wiederum andere Personen. "So wird sichergestellt, dass keiner die alleinige Kontrolle hat." Auseinandersetzungen gibt es dank fehlendem Besitzdenken kaum - kommt es dennoch zu Konflikten, verlasse meist eine der Streitparteien die Gruppe, so Hakami.

Keine Sieger und Verlierer

"Das Teilprinzip ist die wichtigste Grundlage ihrer Ökonomie, deshalb gibt es auch kein Wort für Danke", berichtete Hakami, der längere Zeit mit den Maniq verbracht hat. Auch Kinder werden nicht anders behandelt, sie rauchen ebenso wie die Erwachsenen oder arbeiten mit Messern. Kompetitive Spiele mit Siegern und Verlierern gibt es nicht, die Kommunikation zwischen Kindern und Erwachsenen passiert ebenfalls in keiner speziellen Sprache: "'Babytalk' ist unbekannt", schilderte der Wissenschafter.

Grundsätzlich leben Jäger und Sammler nach dem Unmittelbarkeitsprinzip: "Ihre Sprache kennt nur die Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft oder etwa einen Konjunktiv gibt es nicht." Die Maniq lagern daher auch nichts, Nahrung wird sofort verzehrt. "Hier zeigt sich etwa auch, dass Jenseitsvorstellungen keineswegs universal sind, wie oft behauptet", meinte der Forscher.

"Es geht auch darum, die soziale Evolution des Menschen nachzuvollziehen. Durch Vergleiche verschiedener Gruppen können Prinzipien, wie Gesellschaft an sich funktioniert, abgeleitet werden", schilderte der Forscher. Diesen Versuch unternimmt die 11. Konferenz über Jäger- und Sammlergesellschaften, die in dieser Woche an der Universität Wien stattfindet. Neben Vortragenden aus aller Welt sind auch Aborigines aus Australien, Mitglieder der First Nations aus Alaska oder Vertreter der San aus der afrikanischen Kalahari-Steppe in Wien.

Aber auch aus anderen Gründen ist die Feldforschung bei Völkern wie den Maniq ergiebig: "Wir haben 95 Prozent unserer Geschichte als Jäger und Sammler gelebt. Archäologische Funde aus dieser Zeit gibt es jedoch kaum", meinte Hakami. Moderne Jäger- und Sammlergesellschaften seien deshalb häufig der einzige Weg, Erkenntnisse über die Zeit vor der Sesshaftwerdung zu gewinnen.

Und das vermutlich nicht mehr lange, denn die klassische Jäger-und Sammlergesellschaft ist vom Aussterben bedroht. "Der Großteil ist inzwischen semi-sesshaft oder ins Tourismusgeschäft eingestiegen", verwies der Wissenschafter beispielsweise auf die afrikanischen San, die ihre Gesellschaftsform teils nur noch für fremde Besucher aufrecht erhalten. Vor allem durch schrumpfende Waldgebiete würden Jäger und Sammler häufig in die Sesshaftigkeit gezwungen werden, denn weniger Naturraum bedeutet auch weniger Möglichkeiten sich zu ernähren.

Können sich Gruppen nicht rechtzeitig anpassen, sterben sie aus. "Tourismus ist häufig überhaupt die einzige Strategie, um zu überleben." Den Maniq bleiben nach Hakamis Schätzungen noch etwa 15 Jahre.