Wien. Je mehr Personen Mitwisser einer Verschwörung sind, desto eher wird diese auffliegen. Logisch: Wenn eine Verschwörung aus drei Personen besteht, ist die Wahrscheinlichkeit größer, dass sie unaufgedeckt bleibt, als wenn eine Verschwörung aus dreihundert Personen besteht. Drei halten nämlich schließlich eher dicht als dreihundert.

Klar war das schon bisher allen (außer den Verschwörungstheoretikern) - doch jetzt geht eine Studie im US-amerikanischen Fachblatt "PLOS" (Public Library of Science) der Sache wissenschaftlich auf den Grund. David Robert Grimes, Krebsforscher an der Oxford University und Wissenschaftsjournalist für den britischen "Guardian" und die BBC, behauptet sogar, er könne beziffern, wie hoch das Risiko sei, dass eine Verschwörung auffliegt.

Statistik geeicht an historischen Fällen


Grimes hat sein Statistik-Modell aus seinen Studien über Strahlenbehandlung abgeleitet. In seine generelle, aber inkomplette Verschwörungstheorie-Formel bezieht er drei Faktoren ein: Die Zahl der in die Verschwörung involvierten Personen, die Länge der Zeit, die seit der Verschwörung verstrichen ist, und die jeder Verschwörung naturgemäß innewohnende Wahrscheinlichkeit
der Entdeckung. Grimes: "Das mathematische Modell ist sehr einfach. Die Grundannahme ist: Es gibt pro Jahr und pro beteilig-ter Person eine sehr geringe Wahrscheinlichkeit, dass jemand zum Whistleblower wird oder das Geheimnis versehentlich verrät. Die Fehlerrate einer Verschwörung ist sehr klein, aber sie existiert."

An drei historischen Fällen
tatsächlicher Verschwörungen eichte Grimes sein Modell: Die Penicillin-Experimente an US-ame-
rikanischen Syphilis-Patienten in den 1930er Jahren, den FBI-Forensikskandal, der 1998 aufflog,
und den von Edward Snowden aufgedeckten NSA-Überwachungsskandal.

Grimes inkludiert auch, dass im Lauf der Zeit die Zahl der Mitwisser abnehmen kann, da, je mehr Zeit verrinnt, einige unter Umständen sterben - und zwar aus natürlichen Ursachen, denn der Mord an Mitwissern "ist keine gute Idee, weil das zu einer Panik unter den bis dahin Überlebenden führen und die Wahrscheinlichkeit erhöhen würde, dass die Verschwörung aufgedeckt wird."

Die drei von Grimes genauer betrachteten aufgeflogenen Verschwörungen stellen sich so dar: In die NSA-Überwachungs-Verschwörung waren 36.000 Personen miteinbezogen - sie flog nach rund sechs Jahren auf. In die Penicillin-Verschwörung (durch die aus experimentellen Gründen afroamerikanischen Patienten das Medikament vorenthalten wurde) waren 6700 Personen eingebunden - nach 25 Jahren wurde öffentlich, was gelaufen war. An der FBI-Forensikverschwörung (bei der durch absichtlich falsche Gutachten dutzende Angeklagte ins Gefängnis und sogar in die Todeszelle gebracht worden waren), waren in Grimes’ Annahme höchstens 500 Personen beteiligt - sie hielt nur sechs Jahre.