Der nächste Nachbar unseres Sonnensystems, die rote Zwergsonne Proxima Centauri, taumelt über den Südhimmel. Allerdings so minimal, dass ein Forscherteam rund um Guillem Anglada-Escudé längere Zeit mit einem 3,6-Meter-Teleskop der Europäischen Südsternwarte (ESO) hinschauen musste, um sicher zu sein: Um Proxima Centauri kreist ein Planet, der unserer Erde ähneln könnte.

"Ein solches Ergebnis, noch dazu beim allernächsten Stern, haben wir herbeigesehnt", gesteht Philipp Eigmüller vom Berliner Institut für Planetenforschung. "In den vergangenen Jahren wurden einige tausend Planeten entdeckt, die aber viel weiter entfernt sind." Ein Planet in unmittelbarer Umgebung lässt sich mit heutiger Technik relativ gut untersuchen. Zumindest wenn die Daten zuverlässig sind. "Ich halte das Ergebnis für solide", erklärt denn auch Artie Hatzes. Der US-amerikanische Direktor der Thüringer Landessternwarte Tautenburg ist spezialisiert auf jene Methode, mit der der Planet entdeckt wurde. Die Forscher bestimmen, wie die Schwerkraft eines Planeten die viele größere Sonne in Bewegung setzt und ihre Bahn leicht ins Taumeln bringt.

Leben könnte möglich sein


Einen solchen Rhythmus haben die Forscher in den Daten gefunden, die zwischen den Jahren 2000 und 2008 in der Atacama-Wüste im Norden Chiles gemessen wurden. Dazu kamen weitere Daten sowie eine Dauerbeobachtung vom 16. Jänner bis zum 31. März dieses Jahres. Der Rhythmus deutete jedes Mal darauf hin, dass ein Planet um die Sonne Proxima Centauri kreise.

Demnach hat der auf Proxima Centauri b getaufte neue Planet mindestens die 1,3-fache Größe unserer Erde. Damit ist der "Neue" erheblich kleiner als sehr viele der anderen bisher entdeckten Exoplaneten, die vermutlich eher den großen Gasplaneten unseres Sonnensystems ähneln - wie Jupiter und Saturn.

"Proxima Centauri b könnte hingegen durchaus ein Gesteinsplanet sein", vermutet Spezialist Hatzes. Zu dieser Planetengruppe gehört auch unsere Erde. Allerdings kommt der Planet auf seiner Umlaufbahn der Sonne 20 Mal näher als die Erde zu ihrer Sonne. In gerade einmal 11,2 Tagen saust Proxima Centauri b um sein Zentralgestirn, ein Jahr dauert dort also weniger als zwei Wochen. Dennoch sollten die Temperaturen auf dem Planeten ganz angenehm sein. Schließlich ist Proxima Centauri ein roter Zwergstern, der nur etwa zwölf Prozent der Masse unserer Sonne hat und daher deutlich weniger Energie abstrahlt. Ist die Oberfläche unserer Sonne rund 5500 Grad Celsius heiß, dürfte dieser Wert bei Proxima Centauri bei 2780 Grad Celsius liegen. Daher heizt unser nächster Nachbar seinen Planeten genau so weit auf, dass Wasser an der Oberfläche vorhanden sein könnte. Proxima Centauri b läge damit genau in der Zone, in der Leben entstehen könnte. Ob dort aber tatsächlich Organismen wie Bakterien, Pilze oder vielleicht sogar höheres Leben existieren können, wissen die Forscher bisher noch nicht.

So beobachten Astronomen auf dem Stern Proxima Centauri sehr viele Strahlungsausbrüche, den Planeten dürfte das 400-Fache an Röntgenstrahlung wie die Erde erreichen. "Ob der Planet ein Magnetfeld hat, das einen großen Teil dieser Strahlung abschirmt, wissen wir leider nicht", meint Forscher Philipp Eigmüller. Existiert ein solcher Magnetschirm, würde er eine mögliche Atmosphäre und die Oberfläche sowie eventuell vorhandenes Leben vor der hohen Strahlung schützen.

Vielleicht erfahren die Forscher mehr über Proxima Centauri b, wenn sie das Licht untersuchen, das er von seiner Sonne erhält und wieder reflektiert. Immerhin ist der Planet so nah, dass moderne Instrumente dieses schwache Licht neben der viel stärkeren Strahlung seines Sterns messen können. Aus solchen Daten erkennen die Forscher in einigen Jahren vielleicht auch, ob der Planet eine Atmosphäre hat, in der vielleicht sogar Wolken schweben und in der sich Substanzen nachweisen lassen, die normalerweise von lebenden Organismen produziert werden.