"Schneegrenze"


Das verrät bereits ihre mittlere Dichte: Auf Erden würde ein Kubikzentimeter der Vesta knapp 3,5 Gramm wiegen, ein gleich großes Stück der Ceres aber nur 2,2 Gramm. Offenbar besteht die "Königin" der Kleinplaneten also nicht nur aus Gestein, sondern zu einem guten Teil aus Eis. Außerdem reflektiert ihr Antlitz viermal weniger Licht als jenes der Vesta.

In der Tat ähnelt ihr Reflexionsspektrum eher dem der dunklen kohligen Chondrite, die man ebenfalls im NHM sehen kann. Allerdings stammen diese Meteorite von sehr viel schmächtigeren Kleinplaneten ab. Sie sind jedenfalls reich an Kohlenstoff, Wasser und Mineralen, die von Wasser verändert wurden. Mit Sicherheit wurden sie nie so hohen Temperaturen ausgesetzt wie die HEDs der Vesta.

Die wasserarme Vesta kreist 353 Mio. km von der Sonne entfernt. Bei der wasserreichen Ceres sind es 414 Mio. Anscheinend führte einst schon ein recht geringer Distanzunterschied zu einer verblüffenden Andersartigkeit: So als hätte dazwischen eine alles entscheidende "Schneegrenze" gelegen. Tatsächlich dominieren im inneren, etwas wärmeren Bereich des Kleinplanetengürtels helle, silikatreiche Asteroide. Den äußeren, kühleren Abschnitt beherrschen vor allem dunkle Objekte, reich an Kohlenstoff und Wassereis.

Die dunkle Ceres besitzt dreieinhalbmal so viel Masse wie die Vesta. Eigentlich müsste sie der Zerfall radioaktiver Isotope also noch dramatischer erhitzt haben. Dennoch reichte die Temperatur nicht zur Bildung eines "ehernen Herzens" aus. Stattdessen blieb bloß ein großer Gesteinskern zurück. Ein 100 km dicker Mantel aus Wassereis und Gestein umhüllt ihn. Warum aber ist die Ceres nicht so komplett differenziert wie die Vesta? Wirkte ihr Wasserreichtum etwa einst als Kühlmittel? Vereitelte er ein völliges Aufschmelzen dieses Himmelskörpers?

Die dunkle, weil kohlenstoffreiche Kruste der Ceres ist zu einem guten Drittel aus Eis geformt. Es versteckt sich zwischen dem Silikatgestein vor der Sonne. Die Ceres ist auch viel weniger zerklüftet als die Vesta. Man fand viel weniger Riesenkrater als erwartet. Steile Kraterwälle machen sich rar. Die Kraterböden wirken ebenfalls ungewöhnlich flach. Auch das ist eine Folge des hohen Eisgehalts in der Kruste. Eis ist weicher als Silikatgestein - daher entspannt und glättet sich die von Einschlägen strapazierte "Haut" der Ceres langsam wieder. Ihre Narben wurden nach Gottheiten getauft, die mit Fruchtbarkeit oder Landwirtschaft zu tun haben: darunter die ägyptische Ernutet, die germanische Gaue, der römische Occator, der Ghanan der Maya oder der Hopi-Gott Kerwan.

Dawn fotografierte auch rund 130 kleine, überaus helle Flecken im dunklen Teint der Ceres. Lange war völlig unklar, woraus sie bestehen. Mittlerweile glaubt man, dass Wasser hier einst geysirartig an die Oberfläche aufstieg und dann verdampfte. Die darin gelösten Salze, darunter Natriumcarbonat, blieben zurück. Die geheimnisvollen Flecken wären demnach Salzablagerungen. Noch mehr Verblüffung löste der sehr steile Berg Ahuna Mons aus. Benannt wurde er nach dem Ahuna-Erntedankfest, das die Naga im Nordosten Indiens Mitte November feiern. "Mons" heißt auf Lateinisch schlicht "Berg". Ahuna Mons ist an seiner Basis 17 km breit und ragt mindestens 4 km hoch auf.

Eisvulkanismus


Auf Erden formen sich solche Kuppeln, wenn zähflüssige Lava langsam an die Oberfläche strömt und dort erstarrt. Auf der Ceres bestand die "Lava" aber primär aus schmutzigem, salzigem Wasser. Astronomen sprechen von Kryovulkanismus (kryos, griech.: kalt). Um diesen Eisvulkanismus anzutreiben, braucht es bei weitem nicht so viel Hitze wie zum Aufschmelzen von Silikatgestein. Der Eisvulkan Ahuna Mons ist weniger als 250 Mio. Jahre alt - geologisch betrachtet also ein "Jüngling". Ceres’ Körper kann damals somit noch nicht völlig erkaltet gewesen sein.

Tief unter der Oberfläche mag sich sogar ein globaler Ozean verstecken. Eine starke Beimengung des Frostschutzmittels Ammoniak würde ihn besonders lange vor dem Erstarren bewahren. Am Boden des lichtlosen Meeres könnte man sich hydrothermale Quellen vorstellen: In unserer Tiefsee sind solche Plätze wahre Oasen des Lebens. Nicht ausgeschlossen, dass sich im hypothetischen Ozean der Ceres exotische Mikroben tummeln.

Die Ceres dünstet Wasserdampf aus, und zwar 22 Tonnen pro Stunde. Offenbar verdampft hier Eis im Sonnenlicht, obwohl die ferne Welt davon nicht allzu viel abbekommt: Im Vergleich zur Erde sind es bloß 11 bis 15 Prozent. Ihren sonnennächsten Bahnpunkt wird die Ceres im Frühjahr 2018 durcheilen. Solange soll die Sonde Dawn diese Welt umkreisen - um zu sehen, welche Veränderung die zusätzliche Sonnenwärme im dunklen Boden der "Ackergöttin" bewirkt.

Christian Pinter, geboren 1959, schreibt seit 1991 im "extra" über astronomische Themen. Internet: www.himmelszelt.at