Wien. (est) Ein Markt ist ein Ort, an dem Waren wie Obst, Gemüse, oder Aktien regelmäßig gehandelt werden. In der Volkswirtschaft werden am Markt Angebot und Nachfrage mit Waren und Dienstleistungen zusammengeführt. Und in der angewandten Forschung geht es um den Verkauf von wissenschaftlichen Leistungen. Vereinfacht gesagt: Bei technologischen Umwälzungen muss ein Land neue Infrastrukturen und Geräte implementieren und Forschung und Industrie sollten dafür innovative Lösungen liefern- auch in der Wissenschaft haben die Besten einen Marktvorteil. Und genau diesen will sich das Austrian Institute of Technology (AIT) in Wien offenbar verschaffen.

Für die Jahre 2018 bis 2021 hat das AIT eine neue Strategie aufgesetzt und verändert die Institutsstruktur. "Außerdem wollen wir zusätzliche Markterlöse von acht Millionen Euro pro Jahr einnehmen", gab der kaufmännische Geschäftsführer Anton Plimon am Dienstag vor Journalisten bekannt. Konkret geht es um die Schwerpunktbereiche "Dekarbonisierung und Digitalisierung". Unter anderem sollen Umwälzungen auf dem Energiemarkt, Neuerungen in der Sensortechnik und autonomen Systemen in vielen Lebensbereichen Rechnung getragen werden.

Zum Hintergrund: Das AIT ging 2009 aus einer Umstrukturierung des ehemaligen Forschungszentrums in Seibersdorf hervor. Eigentümer des heute größten Instituts für Angewandte Forschung in Österreich sind zu 50,4 Prozent das Infrastruktur-Ministerium (BmVit) und zu 49,6 Prozent der Verein zur Förderung von Forschung und Innovation der Industriellenvereinigung. Die Finanzierung erfolgt nach einem Schlüssel: 40 Prozent des Budgets kommen aus einer Basisfinanzierung des BmVit, 30 Prozent aus kofinanzierten Projekten über Drittmittel oder EU-Förderprogramme und 30 Prozent aus Direkt-Aufträgen der Industrie. Diese Aufteilung solle bleiben, sagte Plimon. Der Umsatz von derzeit 140 Millionen Euro solle aber ab 2018 um acht Millionen Euro pro Jahr aus den Markterlösen steigen. "Angesichts des Brexit wissen wir nicht, wie es auf EU-Ebene mit ko-finanzierten Projekten weitergeht", erklärte Plimon. Vom Eigentümer Staat erwarten die AIT-Chefs im Gegenzug eine inflationsberichtigte Basisabgeltung.

Aus für "Umwelttechnologien"


Für die mittelfristige Zukunft hätten die Eigentümer "klare Vorgaben" gemacht, sagte der wissenschaftliche Geschäftsführer Wolfgang Knoll. Das AIT soll sich demnach auf die "Technologie-Entwicklung mit Schwerpunkt auf "Infrastrukturthemen der Zukunft" konzentrieren und Wirtschaft und Gesellschaft "als kompetente Partner" unterstützen. "An sich sollte die Kette von wissenschaftlicher Exzellenz zum Markterfolg nahtlos sein, hier gab es bisher manchmal Brüche. Nun wollen wir zum Torschuss kommen", sagte Knoll. Das AIT verweise derzeit auf 35 Kooperationsaufträge, bei denen sein eigenes Volumen mehr als 100.000 Euro ausmacht - laut Knoll ist dies eine Messlatte für Markterfolg.

Im Zuge der neuen Strategie wurden mit erstem Jänner dieses Jahres die bestehenden fünf Departments für Energie, Mobilität, Gesundheit, Umwelt und Sicherheit aufgelöst, "weil wir die einzelnen Themenblöcke nicht zu breit werden lassen wollten", sagte Plimon. An ihre Stelle treten acht Zentren: Energy; Health and Bioresources; Digital Safety and Security; Vision, Automation and Control; Mobility Systems; Low-Emission Transport; Technology Experience sowie Innovation Systems and Policy. "Jeder Leiter eines Zentrums soll Experte für sein Gebiet sein können und auch verstärkt in den Markt gehen", erklärte Plimon die nun etwas spezifischere Ausrichtung. Allerdings, räumen die AIT-Chefs ein, sollten diese Zentren keineswegs "Inseln" sein, sondern mit Universitäten und anderen Experten kooperieren.

Unverändert bestehen bleiben die beiden AIT-Töchter Seibersdorf Labor GmbH und Nuclear Engineering Seibersdorf GmbH. Das AIT will sich allerdings von einigen Themen verabschieden. Fix ist bereits, dass der Bereich "Environmental Technologies" teilweise geschlossen und teilweise in ein anderes Zentrum eingegliedert wird. Der Grund sei, dass der Markt für den Hauptfokus - Grundwasser- und Deponiesanierung - vor allem an öffentlichen Budgets hänge, die sich angesichts von Sparmaßnahmen zunehmend volatil gestalten.

Das AIT bekommt auch einen neuen Standort: In der Giefinggasse in Wien-Floridsdorf, wo bisher 400 AIT-Mitarbeiter beschäftigt waren, wird ein neues Gebäude gemietet. Im Frühjahr 2018 werden die Institutsleitung und weitere 440 Beschäftigte, die derzeit im Tech Gate in der Donaucity arbeiten, dorthin übersiedeln. Niederlassungen in den Bundesländern sind davon nicht betroffen.