Wien. "Zahle endlich die Rechnung deines Weines!" - Schriften und ihre Übersetzungen aus vergangenen Zeiten überliefern der heutigen Welt nicht nur literarische Meisterwerke, sondern auch private Korrespondenzen. Diese ermöglichen einen Einblick in den Alltag der damaligen Bevölkerung. Die Sonderausstellung "Handschriften und Papyri" im Papyrusmuseum der Österreichischen Nationalbibliothek (ÖNB) bietet ab heute, Freitag, Einblicke in eine Sammlung solcher Texte - aus Zeiten, als "copy and paste" noch mühevolle Handarbeit bedeutete.

Mehr als 50 Exponate - von einem der ältesten erhaltenen lateinischen Privatbriefe auf Papyrus bis zum kostbaren Pergamentcodex des Mittelalters - illustrieren die oftmals verwinkelten Wege des Wissens, betonte Johanna Rachinger, Generaldirektorin der ÖNB anlässlich der Ausstellungseröffnung. Im Fokus stehen die Klassiker des Altertums von Homer bis Vergil, aber auch Texte des römischen Rechts. Originale Briefe verdeutlichen zudem die Besonderheiten des privaten Wissenstransfers und machen so den Alltag der Antike lebendig. Dabei handelt es sich "um einen besonders kostbaren Bestand", betonte Kuratorin Daniela Mairhofer, die ihre Studien an der Princeton University betreibt. Denn nur rund zehn Prozent der literarischen Schriften seien erhalten.

180.000 Schriftzeugnisse

"Viele namhafte Philosophen, Dichter und Historiker des Altertums sind für immer verloren gegangen." In ihrer Papyrussammlung vereint die ÖNB insgesamt 180.000 Schriftzeugnisse, von denen in den vergangenen 130 Jahren in mühevollster Arbeit 8000 Texte publiziert werden konnten. Viele Schätze sind damit vermutlich noch gar nicht erst geborgen.

Ein wesentlicher Grund für den Verlust der Schriften war der Wechsel des Schreibmaterials von der brüchigen Papyrusrolle hin zum beständigeren Pergamentcodex bis ins 5. Jahrhundert. "Alles, was beim Kopieren von Rolle auf Codex nicht berücksichtigt wurde, wurde auch später nicht mehr kopiert und ging dadurch in den allermeisten Fällen für immer verloren." Zudem herrschten Feuersbrünste, Raubzüge und Kriege, die ihr Übriges beigetragen haben.

Die größte Bedrohung stellte aber der Zeitgeist dar. Die Entscheidung darüber, welche Bücher es wert waren, wieder abgeschrieben zu werden, war von den Interessen einzelner Personen und dem Geschmack der jeweiligen Zeit geprägt. Alles, was heute noch von den klassischen Autoren der Griechen und der Römer erhalten geblieben ist, verdanken wir der eifrigen Schreibarbeit der Mönche, betonte der Papyrologe Bernhard Palme vor Journalisten.

Besitzvermerke in den Büchern und auf den Schriften zeigen zudem, an welchen Orten der Welt die Texte gelandet waren. Ein gutes Beispiel dafür ist das Werk des berühmten römischen Geschichtsschreibers Titus Livius, der um die Zeitenwende lebte. Der ausgestellte einzige Livius-Codex stammt aus dem 5. Jahrhundert und setzt sich aus 193 feinen Pergamentblättern zusammen. Sehr wahrscheinlich sei, dass er von einem angelsächsischen Missionar im Zuge einer Romreise über die Alpen gebracht wurde. Weiter ging die Reise in die Niederlande, ins heutige Hessen bis in die kaiserliche Hofbibliothek in Wien im Jahre 1665.

Google Maps der Antike

In der Sonderausstellung zu sehen ist zudem die Tabula Peutingeriana, eine kartografische Abschrift aus dem 12. Jahrhundert, die das römische Reich zeigt, wie man es um 400 kannte, betonte Mairhofer. Sie besteht aus vermutlich zwölf Segmenten, wobei eines im Laufe der Zeit verloren gegangen sein dürfte. Darin sind nicht nur 555 Städte und Dörfer eingezeichnet, sondern auch geografische Gegebenheiten, Heiligtümer, Bäder und vieles mehr. Die Forscher vermuten, dass mit der Schaffung der Tabula Peutingeriana die Größe Roms verherrlicht werden sollte. Man könnte sie wohl auch das Google Maps der Antike nennen. Ein Segment dieser Darstellung ziert den Ausstellungssaal.

"Das Thema soll bewusst machen, dass Wissen immer schon eine kostbare Ressource war", betonte Rachinger. Allzuleicht spreche man heute von der Wissensgesellschaft, ohne sich tatsächlich vor Augen zu führen, wie wertvoll diese Inhalte sind. Wissen sei längst nicht nur in den Wissenschaften, sondern auch in der Wirtschaft zum entscheidenden Erfolgsfaktor geworden. Der Zugang zum Wissen und die Weitergabe von Informationen habe schon davor in allen gesellschaftlichen Bereichen eine entscheidende Rolle gespielt.

Die Themenfelder dieser Weitergabe erstrecken sich von der antiken Literatur im Mittelalter über Gesetzestexte und religiöse Schriften bis hin zur ganz banalen Alltagskommunikation. Ohne ein entsprechendes Netzwerk und weit gespannte Kontakte war es damals allerdings nicht möglich, die neueste Nachricht zu erfahren oder an ein ganz bestimmtes Buch zu gelangen. In Zeiten von Google und Wikipedia ist das heute dagegen ein Leichtes.

AUSstellung

Handschriften und Papyri

Wege des Wissens

bis 14. Jänner 2018

Papyrusmuseum der ÖNB