Protoplaneten


Wie auch immer: Weder Kleinplaneten noch Kometen können im materiearmen interstellaren Raum entstehen. Sie werden vielmehr in Staubscheiben geboren, die ganz junge Sterne umkränzen. Um unsere eigene Sonne hätte man ein solches Gebilde vor 4,6 Milliarden Jahren erblickt: Darin ballten sich Staubkörner nach und nach zu metergroßen Objekten zusammen. Sanfte Zusammenstöße formten daraus Planetesimale von Kilometergröße. Heftigere Kollisionen zersplitterten Planetesimale teilweise wieder. Die übrig gebliebenen fanden sich schließlich zu Protoplaneten zusammen, die schlussendlich in richtigen Planeten wie der Erde aufgingen.

Mangels Baumaterial blieben etliche Protoplaneten in ihrem Wachstum stecken. Einige haben überdauert: Sie bevölkern, gemeinsam mit unzähligen Kolli-
sionssplittern, den Kleinplanetengürtel zwischen Mars und Jupiter.

Der niedrigeren Temperaturen wegen waren die Planetesimale in größerem Sonnenabstand anders aufgebaut. In ihnen steckte z.B. mehr Eis. Doch dann veränderten die großen Planeten Jupiter und Saturn, Uranus und Neptun ihre Sonnendistanz. Diese Migrationsbewegungen schleuderten viele steinerne Kleinplaneten und Milliarden von eishaltigen Kometenkernen an den Rand des Sonnensystems. Modellrechnungen zeigen: Etliche dieser Körper überwanden dabei sogar die Anziehungskraft der Sonne. Sie brachen zu einer Wanderschaft durch den interstellaren Raum auf. Niemand weiß, wie viele fremde Welten sie schon gesehen haben!

Im Orbit um andere junge Sonnen fanden ähnliche Prozesse statt wie bei uns. Auch dort hat man etwa migrierende Gasplaneten und vor kurzem sogar Kometen aufgespürt. Im interstellaren Raum wurden außerdem einsame Planeten nachgewiesen, die vor langer Zeit aus ihren Sternsystemen katapultiert worden sein müssen. Es ist also nicht verwunderlich, wenn auch die Kinder anderer Eltern in unserem Vorgarten auftauchen: etwa exotische Objekte wie ‘Oumuamua.

Unklare Herkunft


Das interstellare Objekt traf grob aus Richtung der Wega ein, dem Hauptstern des Sommersternbilds Leier. Entfernung: 25 Lichtjahre. Trotz seines flinken Flugs hätte ‘Oumuamua mehrere hunderttausend Jahre für diese Strecke gebraucht. Doch damals stand die Wega sicher nicht an ihrem heutigen Platz. Die Sterne ziehen nämlich in unterschiedlichem Tempo ums Zentrum der Milchstraße. Unsere Sonne benötigt etwa 225 Millionen Jahre für einen vollständigen Umlauf.

Nach überaus komplexen Berechnungen brachten polnische Forscher andere verdächtige Sonnen ins Spiel. Diese tragen die prosaischen Katalogbezeichnungen UCAC4 535-065571 bzw. GJ 876. Die beiden Astronomen schließen aber auch den Stern Delta Capricorni im Sternbild Steinbock nicht ganz aus. Er ist bereits mit freiem Auge sichtbar.

Doch wurde ‘Oumuamua wirklich bei einer dieser drei Sonnen geboren? Die meisten Wissenschafter bezweifeln das. Einmal aus seinem Heimatsystem geschleudert, könnte ‘Oumuamua das Milchstraßenzentrum selbst schon mehrere Male umrundet haben. Die Spuren seiner Herkunft wären heute somit hoffnungslos verwischt.

Zum Glück kam das kleine, lichtschwache Objekt unserer Erde verhältnismäßig nahe - sonst hätten es die Astronomen gar nicht entdeckt. Künftige Himmelsdurchmusterungen wie jene mit dem Large Synoptic Survey Telescope in Chile werden wahrscheinlich weitere interstellare Besucher aufstöbern. Nach einer neuen Schätzung durcheilen zu jedem beliebigen Zeitpunkt nämlich an die 10.000 solcher Exoten unser Planetensystem!