Genf/Wien. Wissenschafts- und Bildungsminister Heinz Faßmann drängt auf strukturelle Reformen beim Kernforschungszentrum Cern. Bei dem internationalen Zentrum für Teilchenphysik nahe Genf seien manche Organisationsformen zu einer Komplexität herangewachsen, die kritisch zu überprüfen sei. "Als Mitgliedsland wollen wir auf einen effizienten Umgang mit den Beiträgen achten und überlegen, wie wir im System sparen können", sagte Faßmann am Dienstag vor Journalisten am Rande eines Cern-Besuchs in Genf, an dem die "Wiener Zeitung" auf Einladung des Wissenschaftsministeriums teilnahm.

So hat das Kernforschungszentrum seinen unbefristet angestellten Mitarbeitern Pensionszahlungen in einer bestimmten Höhe vertraglich zugesichert. Das Geld dafür kommt aus einem eigens eingerichteten Pensionsfonds. Wenn der Fonds aber weniger erwirtschaftet, als die Verbindlichkeiten betragen, müssen die Lücken irgendwie geschlossen werden. Mit der Finanzkrise 2008 trat der Fall ein und die Renditen decken die Pensionen der 3415 betroffenen Angestellten nicht mehr zur Gänze ab. Da aber nicht der Pensionsfonds, sondern der Arbeitgeber die Kapitalgarantie abgegeben hat, kommen die 22 Mitgliedsländer zum Handkuss. Laut dem Wissenschaftsministerium sind bis 2035 jedes Jahr 52 Millionen Euro zur Sanierung des Pensionsvermögens zu berappen. Somit fließt ein Teil der Forschungsgelder in die Fonds-Sanierung. Österreich wünsche sich aber, dass diese Gelder in die Wissenschaft fließen. Das sei der "primäre Zweck", betonte Faßmann. Zumindest pro futuro seien die Verträge zu ändern.

Österreich ist seit 1959 Mitglied des 1954 gegründeten "Centre Europeen pour la Recherche Nucleaire". Mit dem ringförmigen Teilchenbeschleuniger "Large Hadron Collider" (LHC) ist es die führende Forschungseinrichtung des Fachgebiets. In einer 27 Kilometer langen Röhre unter der Erde werden winzige Partikel in hoher Geschwindigkeit aufeinander gejagt. Wenn zwei zusammenstoßen, entstehen Zerfallsprodukte, die Aufschluss geben über die Grundbausteine unseres Kosmos. Mit dem Nachweis des Higgs-Teilchens, das allen Planeten, Objekten und Lebewesen ihre Masse verleiht, erzielte das Cern 2012 einen Durchbruch.

Doch die Infrastruktur ist teuer und erfordert viel Personal: Insgesamt beläuft sich das Cern-Jahresbudget 2018 auf 890 Millionen Euro. Das Wissenschaftsministerium in Wien überweist heuer 20,84 Millionen Euro oder 2,15 Prozent des Gesamtbudgets an das Cern, hat jedoch kein Mitspracherecht, wie die Administration in Genf das Geld im Detail einsetzt. Das Cern beschäftigt 17.000 Physiker, Informatiker, Programmierer, Elektroniker, Ingenieure und Verwaltungsmitarbeiter in unterschiedlichen Dienstverhältnissen. 201 von ihnen stammen aus Österreich, davon sind 50 fix angestellt.

Aber auch Wissenschafter aus Nicht-Mitgliedsstaaten machen Experimente am Cern. Ihre Gehälter werden von den Herkunftsländern bezahlt, die Infrastruktur in Genf nutzen sie aber gratis. 38 Prozent dieser "User", wie es heißt, zahlen keine Beiträge. Der Ursprung des Arrangements war der Wunsch, den internationalen Austausch voranzutreiben. Länder wie die USA, deren Expertise unverzichtbar ist, steigen dadurch aber günstiger aus als die Mitglieder. "Wir müssen uns fragen, ob diese Vereinbarungen noch zeitgemäß sind", betonte der Wissenschaftsminister. Bei seinem Besuch des Kernforschungszentrums sagte er auch, dass er sich mehr Rückflüsse in Form von Aufträgen an heimische Unternehmen erwarte.

Faßmann will sich auf die Suche nach Verbündeten unter den restlichen 21 Vollmitgliedern machen. Die EU-Ratspräsidentschaft Österreichs ab Juni biete dafür Gelegenheit. Ein Ausstieg aus dem Cern, wie es vor neun Jahren Ex-Wissenschaftsminister Johannes Hahn aus budgetären Gründen angestrebt hatte, aber damit gescheitert war, ist für Faßmann "keine Alternative". Dies sei "ein sehr teures Szenario", da Österreich nach einem Ausstieg lange Zeit weiter finanzielle Beiträge leisten müsse ohne dieselben Ansprüche. "Es wäre ein bisschen wie der Brexit", sagte Faßmann: "Außerdem brauchen wir die Teilchenphysik."