Fasan mit Herbstaroma

Der preisgekrönte Gastronom weiß allerdings auch deshalb in besonderer Weise um die Macht der Sinne, weil er - bittere Ironie - die Fähigkeit zu schmecken verlor. 2007 diagnostizierten die Ärzte bei dem damals 33-jährigen Amerikaner Zungenkrebs. Durch die darauf folgende Chemotherapie verschwand vorübergehend sein Geschmackssinn und baute sich nur langsam wieder auf.

Achatz, der neben dem Spanier Ferran Adrià zu einem der bedeutendsten Vertreter der sogenannten Molekulargastronomie zählt, ließ sich jedoch selbst durch seine Krebserkrankung nicht von der Arbeit abhalten und setzte beim Abschmecken auf seine Mitarbeiter. Geradezu berühmt ist Achatz für die Kreation "Fasan mit Herbstaroma". Dabei werden Heu, Zimt, Apfelstücke, welkes Laub und Kürbiskerne in eine größere Schale gegeben, in die der Kellner heißes Wasser gießt und aus welcher der Gast die so entstandenen Dämpfe einatmet. Bei manchen Restaurantbesuchern rufen diese Düfte, die ihnen bei jedem Bissen in die Nase steigen, so starke Erinnerungen wach, dass sie unwillkürlich in Tränen ausbrechen.

"Diese Erinnerungen", so Molly Birnbaum, "können sich ungebeten einstellen, ohne Worte oder erkennbaren Kontext. Sie können sehr spezifisch sein, so spezifisch, dass sie einen mit ihrer Schönheit überwältigen oder mit ihrer Schmerzlichkeit verletzen."

Zumeist aber ist es so, dass wir von Abertausenden Gerüchen umgeben sind, die wir gar nicht alle wahrnehmen. Wer etwa versucht, den Duft seiner eigenen vier Wände zu erschnuppern, wird in der Regel nichts riechen, weil der Geruch zu vertraut ist. Alle anderen Wohnungen, Büros und Lokale haben dafür sehr wohl eine Duftnote. Für Walter Kohl, Autor des Buches "Wie riecht Leben?" und seit einem schweren Fahrradunfall ohne Geruchssinn, ist das Riechenkönnen gleichbedeutend mit Heimat. Da für ihn aber nun alles fremd riecht, auch seine eigene Wohnung und sein Auto, ist er nirgendwo mehr zu Hause, also heimatlos.

Noch schwerer als der Verlust der Heimat wiegt für den Österreicher jedoch, dass er den Körpergeruch seiner Mitmenschen nicht mehr wahrnehmen kann und somit von der "sozialen Kommunikation" ausgeschlossen ist, wie das der Mediziner Hummel nennt: "Die Menschen wissen nicht mehr, wie ihre Liebsten riechen." Körpergerüche sind eng verbunden mit Gefühlen, Sinnlichkeit und Sexualität. Ob wir einen anderen Menschen sexy finden oder nicht, entscheidet sich schon beim allerersten Treffen, und zwar anhand des Geruchs.

Wenn die Dimension Geruch aber fehlt, so der Wissenschaftler Hummel, schaffe dies viel "Unsicherheit im Hinblick auf den eigenen Körpergeruch. Es gibt Menschen, die dann häufiger duschen, ihre Kleidung oft wechseln oder die Wohnung dauernd lüften." Zwei Drittel der Anosmiker klagen zudem über Depressionen. Die Anosmie kann aber auch deshalb gefährlich werden, weil Gerüche ihren Warncharakter verloren hätten, wie Hummel hinzufügt: "Man nimmt keinen Brandgeruch mehr wahr oder kann nicht mehr sagen, ob die Milch im Kühlschrank bereits verdorben oder noch genießbar ist."

Geruchs-Training

Doch selbst für diejenigen, die gar nichts mehr riechen, gibt es Hoffnung. Das belegt eine Studie, die Hummel an der Universitätsklinik Dresden durchgeführt hat. Er ließ eine Gruppe von Patienten mit Geruchsstörungen über einen Zeitraum von vier Monaten morgens und abends intensive synthetische Düfte wie Rose, Gewürznelke, Eukalyptus und Zitrone einatmen. Nach dem Training hatte sich die Riechleistung dieser Gruppe im Vergleich zu Teilnehmern einer Kontrollgruppe deutlich verbessert.

Anders als Walter Kohl gehört Molly Birnbaum zu den zehn bis zwanzig Prozent von Betroffenen, bei denen der Geruchssinn tatsächlich vollständig zurückgekehrt ist. "Ich empfinde es als sehr großes Glück", bekräftigt die Amerikanerin im Rückblick - und weiß nur zu gut: "Ein angenehmer, ein vertrauter Duft, der Kindheitserinnerungen weckt, kann unsere Stimmung wie kaum etwas anderes aufhellen."

Die Norwegerin Tolaas würde das mit den Worten kommentieren, dass das Leben das beste Parfüm ist. Sie provoziert gerne die Nasen ihrer Mitmenschen auf unkonventionelle Art. Bei Partys legte sie zur glamourösen Abendgarderobe mitunter ihr eigens kreiertes "Fear"-Parfüm auf - "nachgebaut" aus Angstschweiß. Das Resultat war für sie selbst verblüffend: Die Frauen hielten Abstand zu ihr, während die Männer sich haufenweise um sie scharten.

Sonja Panthöfer, geboren 1967, arbeitet als Journalistin und Coach. Sie lebt in München.