Vor fast 500 Jahren wurde Österreichs erste republikanische Verfassung samt einigen bemerkenswerten Menschenrechten veröffentlicht. Ihr Verfasser war der Tiroler Revolutionär und Intellektuelle Michael Gaismair.

Rückblende: Am 15. April 1532 wird Gaismair auf den Freitreppen seines Landgutes Caposeda bei Padua mit 42 Stichen ermordet und entstellt. Die Tat begeht sein früherer Freund Jacomete Cavalcatore mit zwei unbekannten Personen. Ein zu Hilfe eilender Maler wird ebenso wie danach der Stallknecht kurzerhand getötet. Erzherzog Ferdinand persönlich gab die Tat in Auftrag, um nicht nur einen der meistgefürchteten Zeitgenossen zu beseitigen, sondern auch dessen zündende revolutionäre Ideen zu vernichten. So ist Gaismairs Steckbrief erhalten: "Ein langer, aufgeschossener, hagerer, dünner Mann, im Alter ungefähr 34 oder 35 Jahre, hat einen schwarz-braun-farbenen dünnen Bart, ein schönes kleines Gesicht, kurze Haare, geht mit geneigtem Kopf oder etwas bucklig und ist sehr beredt."

Die gedungenen Mörder eilen nach der Tat nach Innsbruck, doch wird ihnen ihr Schandlohn vorenthalten, da sie angeblich aus Geldgier gehandelt haben. Tatsächlich waren seit sieben Jahren Späher und Spione auf Gaismair an- und ein ansehnliches Kopfgeld ausgesetzt. Trotz vier Mann privatem Personenschutz ist es nun also gelungen, den gefürchteten Bauernführer und Kopf der einzigen konzeptiven Volksbewegung während der Bauernkriege endgültig unschädlich zu machen.

Modern anmutende Ansätze

Gaismair wird in der Tiroler und österreichischen Ideengeschichte noch immer stiefmütterlich behandelt; ihm wird der gebührende Platz in der demokratiepolitischen Entwicklungsgeschichte vorenthalten. Andreas Hofer wurde in Tirol zum Volkshelden hochstilisiert, obwohl er sich auf keinerlei neue Ideen stützte und nur mit der Waffe in der Hand die alte Kaiserordnung wiederherstellen wollte, während Gaismair neben seinen beachtlichen militärischen Fähigkeiten auch ganz unkonventionell richtungsweisende Verfassungsfragen behandelte und mit seiner Tiroler Landesordnung einen kasuistisch erstellten, aber im Ergebnis modern anmutenden gesellschaftspolitischen Verfassungsentwurf vorlegte.

Er befasste sich mit fundamentalen Menschenrechten und dem Gleichheitsgrundsatz. Auch ein neuer Stellenwert der Frau lag ihm am Herzen. Dem Wucher mit Zinsen und einem unkontrollierten Bankenwesen sagte er den Kampf an, zeigte soziale Verantwortung für Arme, Alte und Schwache und versuchte eine überregionale Dimension in der europäischen Zusammenarbeit und Entwicklung einzuleiten.