Michael Gorbatschow und Ronald Reagan bei der Unterzeichnung des INF-Vertrags 1987. - © UIG via Getty Images
Michael Gorbatschow und Ronald Reagan bei der Unterzeichnung des INF-Vertrags 1987. - © UIG via Getty Images

In diesen Tagen ist viel vom INF-Vertrag die Rede, den erst die USA und dann auch die Sowjetunion gekündigt haben. Es handelt sich dabei um jenen Vertrag, den US-Präsident Ronald Reagan und Sowjetführer Michael Gorba-tschow am 8. Dezember 1987 in Washington unterschrieben hatten. Es war der erste, wahrhaft historische Abrüstungsvertrag, der Abbau und Vernichtung sämtlicher atomarer Mittelstreckenraketen - Intermediate Nuclear Forces (INF) - mit einer Reichweite von 500 bis 5000 km in Europa vorsah. Um zu verstehen, was dieser Vertrag für Europa bedeutete, lohnt ein Blick zurück.

Es begann mit einer viel beachteten Rede, die der deutsche Bundeskanzler Helmut Schmidt am 28. Oktober 1977 vor dem International Institute for Strategic Studies in London zum Thema "Grauzone" hielt. Damit wurde jener Bereich der nuklearen Mittelstreckenraketen in Europa bezeichnet, der nicht von den amerikanisch-sowjetischen SALT-II-Gesprächen - Begrenzung der strategischen interkontinentalen Atomraketen - abgedeckt war.

Die Sowjetunion hatte dies durch die Stationierung neuer Mittelstreckenraketen vom Typ SS-20 genutzt. Die neuen Raketen besaßen jeweils drei atomare Sprengköpfe, waren mobil und verfügten über eine große Reichweite - bis zu 5000 Kilometer - und Zielgenauigkeit. Moskau hatte sich damit eine Erstschlagkapazität gegenüber den europäischen NATO-Verbündeten verschafft.

Suche nach Verbündeten

In seiner Rede wies Schmidt auf diese in Europa bestehende Disparität hin. Westeuropa müsse mit nuklearen Mittelstreckenraketen nachrüsten, falls die Sowjets ihre Raketen nicht wieder abbauen würden. Die Reichweite der eigenen Raketen sollte "über 1000 Kilometer liegen, damit das Ziel, die Bedrohung des sowjetischen Territoriums, erreicht wird", wie im Auswärtigen Amt in Bonn notiert wurde. Erst angesichts einer solchen Gefahr würden die Sowjets bereit sein, ihre Raketen wieder abzubauen.

Schmidt kämpfte damals unermüdlich um Verbündete für diese Nachrüstung, die aus amerikanischer Sicht nicht unbedingt notwendig war: Washington setzte auf die eigenen Interkontinentalraketen. Schmidts Vertrauen in US-Präsident Carter war allerdings nicht besonders ausgeprägt. Gegenüber Italiens Ministerpräsident Giulio Andreotti äußerte er "in absoluter Offenheit" und "mit der Bitte um Vertraulichkeit" Zweifel an den Verbündeten in London und Paris - und an der "Stetigkeit" von Carter.

Rom und Bonn sollten daher öffentlich auf das enorme militärische Übergewicht der Sowjet-
union hinweisen, denn "eine einzige mobile, mit einem Mehrfachsprengkopf versehene sowjetische Mittelstreckenrakete kann, unabhängig voneinander, gleichzeitig die Städte Siena, Grosseto und Florenz zerstören. Das sowjetische Übergewicht ist sehr gefährlich". Das Argument überzeugte Andreotti von der sowjetischen Gefahr für Europa. Wenig später gelang es Schmidt, Frankreichs Präsidenten Giscard d’Estaing von der Notwendigkeit zu überzeugen, das Thema in kleinem Kreis zu diskutieren. Der lud daraufhin für den 5./6. Jänner 1979 zu einem Vierertreffen mit ihm, Carter, dem britischen Premierminister Callaghan und Schmidt auf die Insel Guadeloupe ein.