Aber er kritisiert deutlich und vernehmbar die Konfrontation des Regimes mit der Sozialdemokratie und propagiert eine Aussöhnung. "Rechts stehen und links denken", lautete seine politische Parole, um Christlichsoziale und Sozialdemokraten für den Kampf gegen den Nationalsozialismus zu vereinen. Dafür wirbt der frühe und entschiedene NS-Gegner Winter, wo er nur kann - auch in der "Arbeiter Zeitung".

Letztendlich vergeblich. Das Misstrauen ist auf beiden Seiten zu groß. Die Sozialdemokratie pocht auf konkrete Taten der Versöhnung nach dem Verbot von Sozialdemokraten und Kommunisten durch das autoritäre Regime, während die Regierung zuerst eine vorbehaltlose Unterstützung des Staats fordert.

Der Katholik, überzeugte Monarchist und unentwegte Prediger eines selbstständigen Österreich wird schließlich 1936 von den deutschnationalen Kräften des Regimes aufs Abstellgleis geschoben. Seine Abberufung als Vizebürgermeister ist eine Folge des Juli-Abkommens, mit dem Schuschnigg den Druck Hitlers auf Österreich abzufedern versucht. Nach dem Mord an Dollfuß hatte der Linksverbinder Winter seinen stärksten Fürsprecher verloren.

Trotzdem ist es Winter, bei dem Schuschnigg nach dem unglückseligen Treffen auf Hitlers Berghof im Februar 1938 kurz Halt macht und die Ereignisse bespricht. Unmittelbar vor dem "Anschluss" im März 1938 an Nazi-Deutschland emigriert Winter mit seiner Frau und den sieben Kindern über die Schweiz und England schließlich in die USA, wo er versucht, eine österreichische Exilregierung in den USA auf die Beine zu stellen. Auch das schlussendlich ohne Erfolg.

In den USA macht Winter sich auch daran, seine Version der österreichischen Geschichte aufzuschreiben. Mit zwei großen Zielen: Er will, zum einen, einen Blick entwickeln, der für Linke wie Rechte konsensfähig ist. Zum anderen will er die bis dahin dominierende Erzählung von Österreich als einem deutschen Staat und den Österreichern als Teil des deutschen Volkes zum Einsturz bringen. Die im Zuge der Völkerwanderung in das Gebiet des heutigen Österreich eindringenden Germanen treffen nach ihm auf eine tief verwurzelte ansässige illyrisch-keltische Urbevölkerung, die erst romanisiert und dann von den "Alpenslowenen" slawisiert wurde. Dieser romanisch-slawische Kern, und nicht die germanische Kolonisation, bestimmen die Natur der Menschen bis in die Gegenwart, hier liege die "Ursubstanz des Österreichischen". Dementsprechend sei auch die deutsche Sprache überbewertet, stattdessen setzt Winter zu einer unzeitgemäß frühen Ehrenrettung der verbliebenen slawischen Sprachinseln im Land an, die er als Bewahrer uralter Erinnerungen preist. Ein sprachlicher Nationalismus sei deshalb den Österreichern eigentlich wesensfremd.

Zwei Traditionsstämme

Dem "germanischen Jahrtausend" setzt Winter die These von den "zwei österreichischen Traditionsstämmen" entgegen, mit deren Hilfe er die Geschichte Österreichs aus der allzu engen deutschen Umklammerung befreien will. Hier liegt sein Hebel, um die bisher unversöhnlichen Geschichtsrezeptionen von Christlichsozialen und Sozialdemokraten zu versöhnen, indem er kurzerhand die beiden entgegenstehenden und sich doch ergänzenden Prinzipien von Demokratie und Sozialismus im Wesen der Natur des österreichischen Volkes fest und von Anfang an verankert sieht.