Das ist, zugegeben, nicht gerade das, was heute in Sachen Geschichte und politischer Kultur gelehrt wird. Österreichs Vergangenheit gilt weder als besonders demokratisch noch sozialistisch, sondern vielmehr als ewig verspätet. Winter dreht diesen Ablauf kurzerhand um: "Weniger als jedes andere europäische Volk braucht das österreichische irgendeine Belehrung darüber, was Demokratie oder Sozialismus ist, vielmehr trägt es beide in einer organischen Verbindung seit alters in sich."

Sein spezifischer Blick entdeckt sehr wohl bemerkenswerte Varianten der autonomen Selbstverwaltung und des egalitären Ausgleichs, die er auf die unterschiedliche kulturelle Prägung durch Rom und Byzanz zurückführt, etwa in uralten Vorrechten der Bauern in einigen Regionen wie in Tirol und Vorarlberg oder dem Ritual des Fürstenstuhls in Kärnten.

Winters Credo: "So steht Österreich wirklich in der Mitte des europäischen Kontinents, in der sich westliche Demokratie und östlicher Sozialismus nunmehr treffen, aufeinander hin entwickeln und miteinander vermählen müssen." Für ihn ist etwa der österreichische "Barocco" das "bisher größte geschichtliche Experiment, die Idee der politischen Freiheit durch die andere Idee der wirtschaftlichen Gleichheit, die Demokratie durch den Sozialismus zu ergänzen." Zwar nicht in einem politischen Sinn, wie Winter eingesteht, aber "noch niemals waren die Kunst und der Kult so demokratisch geworden, dass sie aus Dynastie, Adel und Volk eine betende Einheit machten".

Im US-Exil hat Winter eine ungeheure Fülle an Material zusammengetragen und in seinem Sinne ausgewertet. Dabei argumentiert er, wie es seinem Beruf entspricht, vor allem soziologisch, weniger politisch. Er fahndet nach uralten Flurnamen, listet Traditionen und Bräuche auf und nutzt die große Fülle historischer Berichte nach dem Nutzen für sein großes Projekt der Ver-Österreicherung der österreichischen Geschichte - oder besser: ihrer Ent-Germanisierung durch die Jahrhunderte.

Nach dem 19. Kapitel, das sich der "österreichischen Republik" widmet, bricht Winter sein Werk abrupt ab. Seine "Geschichte des österreichischen Volkes" verfasst er in der Emigration, vermutlich zwischen 1942 und 1945; das unvollendete Manuskript trägt das Datum vom 8. September 1945, der Zweite Weltkrieg ist in Europa erst wenige Monate beendet, die Heimat von den Alliierten besetzt und in Schutt und Asche.

Drei geplante Kapitel

Winter will schnell zurück, und sein Werk ist dazu gedacht, diese Rückkehr publizistisch zu begleiten. Als er erkennt, dass sich keiner der neuen Mächtigen von SPÖ und ÖVP um seine Heimkehr bemüht, bricht er das Manuskript unvollendet ab.

Drei vollendeten Kapiteln stehen drei weitere geplante, jedoch nie in Angriff genommene Abschnitte gegenüber, deren Gegenstand die Zeitgeschichte und die Republik hätten sein sollen. Vielleicht hatten nicht wenige in den Reihen von ÖVP und SPÖ ein schlechtes Gewissen, weil Winter recht behalten hatte in Sachen Nationalsozialismus. Er passte einfach nicht in diese Zeit des Verdrängens und Nicht-wissen-wollens, wie der Politologe Anton Pelinka einmal meinte.