Nach dem verlorenen Wettlauf setzte die UdSSR 1973 das ferngesteuerte Mondmobil Lunachod-2 ein - © Pinter
Nach dem verlorenen Wettlauf setzte die UdSSR 1973 das ferngesteuerte Mondmobil Lunachod-2 ein - © Pinter

Der Chefkonstrukteur Koroljow besaß einen eisernen Willen und eine Entschlossenheit, die, wie der Kosmonaut Alexei Leonow vermutet, der Härte des -Alltags entsprungen war. Er trat selbstsicher auf. Gleichzeitig blieb er Diplomat genug, um die höhergestellten Herrschaften nicht zu vergrämen.

Sergei Koroljow starb völlig überraschend im Alter von 59 Jahren bei einer Darmoperation, die der Gesundheitsminister persönlich durchführte. Eine Intubation hätte ihn womöglich gerettet. Doch diese scheiterte an seinem deformierten Kiefer: Der war ihm seinerzeit im Gulag gebrochen worden. So verlor die sowjetische Raumfahrt Anfang 1966 ihren Mastermind. Rasch wurde Koroljows bisheriger Stellvertreter, Wassili Mischin, zum Nachfolger ernannt.

Laut dem Trainingsleiter Kamanin und dem Kosmonauten Leonow ist Mischin eine schlechte Wahl: Sein Führungsstil sei schwach und zögerlich. Er verbittere seine Mitarbeiter, anstatt sie mitzureißen. Mischins unsicheres Auftreten mache es dem Politbüro außerdem leicht, wichtige Vorhaben zu kippen.

Allerdings muss Mischin auch so manche Fehlentscheidung Koroljows ausbaden. Wichtige Weichenstellungen werden über seinen Kopf hinweg vorgenommen, unrealistische Terminvorgaben gesetzt. An den strukturellen Problemen des sowjetischen Raumflugs kann er erst recht nichts ändern.

Obwohl mehrere Milliarden Rubel rollen, muss die rote Raumfahrt mit weniger Geld auskommen als ihre Konkurrenz: Die NASA betreibe, wie Mischin meint, ihr Mondlandeprogramm "ohne Rücksicht hinsichtlich des Aufwands". Sein eigenes Land verfüge nicht über solche Mittel. So wird für die alles entscheidende Mondrakete N-1 nicht einmal ein Teststand errichtet.

Mischin sieht sich einem "bürokratischen Kommandoarbeitsstil" ausgesetzt sowie unzähligen nutzlosen Sitzungen auf allen Ebenen. Immer wären zahlreiche Beamte des Partei- und Sowjetapparats zugegen, die wenig zur Lösung der Probleme beitragen könnten. Dafür drängten sich deren Chefs mit "wertvollen Hinweisen" in den Vordergrund: Wer mit logischen Argumenten widerspräche, fiele rasch in Ungnade, würde abgestempelt oder der Selbstüberschätzung bezichtigt.

Stark zersplittert

Auch Kamanin ärgert sich über die vielen Treffen, Analysen und Berichte, denen keine Handlungen folgten. Außerdem fehle eine klare Richtung. Tatsächlich arbeiten die Konstrukteure an mehreren bemannten Programmen gleichzeitig: Dazu zählen eine militärische und eine zivile Serie von Raumstationen sowie drei unterschiedliche Versionen des Sojus-Schiffes. Trotz aller Synergien läuft man Gefahr, sich zu verzetteln.

In den USA existiert eine eigene Bundesbehörde für die zivile Raumfahrt - die NASA. Der US-Kongress entscheidet über ihre Finanzen. In der UdSSR fehlt eine vergleichbare Institution. "Dem Wesen nach", so Mischin, gäbe es "keine zentralisierte wissenschaftlich-technische Leitung des Mondprogramms". 28 Behörden sind daran beteiligt, zahlreiche Ministerien reden mit.