Die Mondrakete N-1 musste ohne Walentin Gluschkos Triebwerke auskommen. - © Pinter
Die Mondrakete N-1 musste ohne Walentin Gluschkos Triebwerke auskommen. - © Pinter

Die verschiedenen Konstruktionsbüros für Satelliten, Raketen und Raumschiffe dienen unterschiedlichen Herren, wenngleich die meisten dem Ministerium für allgemeinen Maschinenbau unterstehen: auch Mischins OKB-1. Hingegen arbeitet Nikolai Kusnezow im Auftrag des Ministeriums für Luftfahrtindustrie. Obwohl er bisher Flugzeugtriebwerke gebaut hat, wird er mit der Triebwerksentwicklung für die Mondrakete N-1 betraut.

Besonderes Gewicht besitzen die Militärs. Ohne ihr Interesse an Raketen wäre die Raumfahrt nicht entstanden. Doch jetzt gieren sie nach leichten, kleinen und stets gefechtsbereiten Trägern - während der Mondflug große, schwere und immer schubstärkere fordert. Bemannte Flüge sind für das Verteidigungsministerium von untergeordneter Bedeutung, der Mond nutzlos. Wichtige Rollen spielen die Militärisch-industrielle Kommission unter dem Vorsitz Leonid Smirnows und das Zentralkomitee der KPdSU mit Sekretär Dimitri Ustinow. Mischin wird später kein gutes Haar an ihm lassen.

Nach Kamanins Einschätzung widmen selbst die wichtigsten Männer bestenfalls zehn Prozent ihrer Zeit der Raumfahrt. Salopp gesagt: Viele wollen mitbestimmen, doch für niemanden ist der bemannte Raumflug von zentraler Bedeutung. Die Kosten sollen daher möglichst andere tragen.

Die folgenschwere Zersplitterung schlägt bis ins Kosmonautencorps durch. Kamanin möchte seine gut trainierten Militärpiloten einsetzen. Mischin denkt auch an Zivilisten, darunter Techniker seines Konstruktionsbüros: Schon unter Koroljow flogen die Fallschirmspringerin Walentina Tereschkowa, der OKB-1-Ingenieur Konstantin Feoktistow oder der Mediziner Boris Jegorow ins All. Gelegentlich streicht der KGB einen Kandidaten.

Automatische Schiffe

Nach den Wostok- und Woschod-Flügen konzentrierte sich die UdSSR auf den Bau ihres neuen Sojus-Schiffs. Eine Unzahl von Problemen verzögerte dessen Fertigstellung. In der Zwischenzeit flog die NASA auf und davon: Während zehn Gemini-Schiffe nach und nach 20 USAstronauten in den Erdorbit hoben, blieben die sowjetischen Kosmonauten komplett an den Boden gefesselt.

Kamanin führt das unter anderem auf die "Überautomatisierung" zurück: Selbst bemannte Schiffe sollen möglichst alles alleine machen, die Kosmonauten nur im Notfall eingreifen. Entwicklung und Tests dieser automatischen Systeme hätten entscheidende Jahre gekostet, klagt er.

Nicht nur zwischen Kamanin und Mischin, auch zwischen den Chefs der einzelnen Konstruktionsbüros gibt es Rivalitäten. Die Feindschaft zwischen dem verstorbenen Koroljow und dem ebenfalls in der Ukraine geborenen Triebwerksspezialisten Walentin Gluschko wirkt lange nach. Auf Koroljows Wunsch sollte die Mondrakete N-1 mit Kerosin und Sauerstoff fliegen. Gluschko favorisiert hingegen unsymmetrisches Dimethylhydrazin und Distickstofftetroxid. Sein Treibstoff ist hochgiftig.

Wie Koroljow zu wissen glaubte, hatte ihn Gluschko 1938 bei der Geheimpolizei denunziert. Gluschko hingegen erwartete sich Koroljows Dank - für seine Mithilfe bei dessen Befreiung aus dem Gulag. Es kam zu keiner Aussöhnung. Die N-1 wird ohne Gluschkos Triebwerke gebaut.