"Die Schüler sind in einer ihrem Fassungsvermögen entsprechenden Form darauf aufmerksam zu machen, dass die österreichisch-ungarische Monarchie zu bestehen aufgehört hat und dass die Schüler nunmehr Angehörige des neuen Staatswesens Deutsch-Österreich sind."

Geschäftsordnungsmäßig wie die Anzeige einer Firmenübergabe mutet dieser Erlass des Staatsamtes für Unterricht (damals dem Staatsamt für Inneres eingegliedert) vom Dezember 1918 an. An die Stelle des gestürzten Kaisers ist das republikanische Staatswesen Deutsch-Österreich, später, in der Verfassung von 1920, als Republik Österreich, getreten. Die Schüler sind "Angehörige" der neuen staatlichen Gemeinschaft, ihr in Rechten und Pflichten verbunden; in dem revolutionären Prozess, der die Geburt des Kleinstaates begleitete, sind sie bereits präsent. Aufmärsche, Demonstrationen, Versammlungen und Petitionen dokumentierten dies.

Eine Erinnerungstafel an den Schulreformer Otto Glöckel am Pailais Epstein in Wien. - © Archiv
Eine Erinnerungstafel an den Schulreformer Otto Glöckel am Pailais Epstein in Wien. - © Archiv

Als Angehörige der großen staatlichen Gemeinschaft wie der überschaubaren Gemeinschaften ihrer Schulen fühlten sie sich berechtigt, Forderungen (in höflicher Form nannten sie es "Bitten und Wünsche") zu stellen und Aufgaben zu übernehmen. Die Ausrufung der Republik wirkte wie ein Signal! Dass das große Reich der Habsburger zerfallen war, war weniger beeindruckend als die Chancen einer Mitwirkung in der Demokratisierung des gesellschaftlichen Lebens.

Schulgemeinden

Durch Demonstrationen, an denen Schülervertreter aus den oberen Klassen teilnahmen - wichtig für die Organisation war die Mithilfe der vom Militärdienst zurückgekehrten Schulkameraden, belastend hingegen die eingeschleusten Randalierer, durch die es mehrmals zu blutigen Auseinandersetzungen mit Männern des Wachtdienstes kam - wurde die Öffentlichkeit auf die Anliegen der Schüler aufmerksam gemacht. Besprechungen im Staatsamt für Unterricht in Wien (das spätere Unterrichtsministerium) im Februar 1919 zeigten die möglichen Arbeitsfelder für die Schülervertretungen. Dazu gehörte vor allem das Zusammenwirken von Lehrern, Eltern und Schülern in den "Schulgemeinden".

Die Schulgemeinde, für die es schon vor dem Ersten Weltkrieg Ansätze gab, konnte aber nur in Kleinarbeiten erfolgreich sein (Nutzung der Bibliothek, Einsatz außerschulischer Referenten, Spezialkurse wie Rhetorik und Diskussion, Schulsport, künstlerisches Arbeiten). Fragen der Lehrplangestaltung hingegen, die den Schülern außerordentlich wichtig waren (Verringerung der Wochenstundenzahl für die alten Sprachen, Einführung moderner Fremdsprachen, Verstärkung des naturwissenschaftlichen Unterrichtes) waren für die Beratungen in den Schulgemeinden keine Themen.