Am 20. November 1977 wurde die Welt Zeuge eines außergewöhnlichen Ereignisses. An jenem Tag, einem Sonntag, hielt Ägyptens Präsident Sadat in Jerusalem vor den 120 Mitgliedern der Knesset, dem israelischen Parlament, eine Rede, in der er ein Friedensangebot machte. Er sprach Arabisch, eine der offiziellen Sprachen Israels.

Sadats Reise nach Jerusalem war ein politisches Abenteuer, das, so Boutros Boutros-Ghali, Minister in Sadats Kabinett und späterer UNO-Generalsekretär, "aufgrund eines unerhörten militärischen Abenteuers" möglich wurde. Damit meinte er den Yom Kippur-Krieg: Am 6. Oktober 1973, Yom Kippur, dem höchsten jüdischen Feiertag, hatten ägyptische und syrische Truppen einen Überraschungsangriff gegen Israel gestartet. Auf Sadats Befehl hatten ägyptische Truppen die als uneinnehmbar geltende israelische Verteidigungslinie am Ostufer des Suezkanals überrannt und in zwei Tagen 400 israelische Panzer zerstört. Israel stand am Rand des Untergangs. Am Ende siegten die Israelis zwar, hatten aber den Nimbus ihrer Unbesiegbarkeit verloren. Und die Araber hatten nach der Schmach des Sechstagekrieges von 1967 ihre "Ehre" zurückerkämpft.

Erzfeind Israel

Sadat fühlte sich nun auf Augenhöhe mit den Israelis. Er erwog Verhandlungen mit ihnen und war bereit, nach Israel zu kommen. Lauerte da eine Falle? Die Spannung auf dem Flughafen von Tel Aviv war extrem, als die Maschine mit Sadat und Gefolge am Sabbat um acht Uhr abends landete. Denn an jenem 19. November 1977 befanden sich Ägypten und Israel offiziell noch im Kriegszustand. Der Yom Kippur-Krieg lag erst vier Jahre zurück, der Sechstagekrieg zehn Jahre; unversöhnlich schienen die Positionen im Nahostkonflikt zu sein. Boutros-Ghali war Mitglied der ägyptischen Delegation. Er fasste die Sicht der Araber folgendermaßen zusammen: "Jahrzehntelang war Israel unser Erzfeind gewesen, das Krebsgeschwür am Körper der arabischen Welt, und unser Ziel war es bisher, alles in unserer Macht Stehende zu tun, es zu zerstören."

Was viele Israelis befürchteten, beschrieb Harry Hurwitz, Mitarbeiter von Israels Regierungschef Menachem Begin, so: "Ein aus dem Flugzeug stürmendes Kommando-Unternehmen." Verteidigungsminister Weizman sah das ähnlich und versetzte die israelische Armee in höchste Alarmbereitschaft. Auf der anderen Seite schlossen Mitglieder der ägyptischen Delegation nicht aus, dass sie auf der Landebahn in einen Kugelhagel der Israelis geraten würden.

Nichts dergleichen geschah. Unter den Fahnen Israels und Ägyptens spielte eine Militärkapelle die Hymnen. Den Israelis erschien Sadats Ankunft daher surreal. "Unternehmen Zauberteppich" lautete das israelische Codewort für seinen Besuch. Vom Flughafen fuhr Sadat nach Jerusalem und bezog Quartier in der Präsidenten-Suite im King David Hotel. Am nächsten Morgen betete er in der Al-Aksa-Moschee auf dem Tempelberg, besuchte die Grabeskirche und die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem. Am Nachmittag folgte sein Auftritt im Parlament. Er hielt dort die anfangs erwähnte Rede, in der er auch betonte: "Ich bin nicht gekommen, um eine separate Vereinbarung mit Israel zu unterschreiben, das ist nicht meine Politik. Es geht nicht nur um unsere beiden Länder. Ein Friede wird nur dann gerecht seinen Bestand haben, wenn er für alle gilt, für alle Nachbarn Israels und für das palästinensische Volk."