"Als die ersten Russen auftauchten, sind wir aus dem Keller gar nicht mehr herausgekommen", erinnert sie sich. "Der große Wunsch war: Wann ist endlich der Krieg aus? Kein Krieg! Und das zweite Problem war immer der Hunger. Die Russen haben uns als Erstes so ein großes Aluminium reingebracht: Reis mit Erbsen. Das waren junge, sehr nette Russen. Einer ist meiner Mutter um den Hals gefallen und hat ‚Mamutschka‘ gerufen. Das waren auch so junge Leute, die von Zuhause weg und in den Krieg mussten."

Zur gleichen Zeit harrt der ehemalige Flakhelfer Heinz Hoffmann in der Lange Gasse 37 im 8. Bezirk der Dinge: "Am 8. April pumpert es an der Türe und ich naiver Depp mach auf und habe blöderweise noch meine Luftwaffenhose an." Aber Hoffmann hat Glück, es ist nicht die SS. "Es waren deutsche Soldaten auf dem Rückzug. Die wollten ihre Feldflaschen auffüllen und ich frage den einen, wo denn die Russen sind. Sagt der: ‚Die sind schon am Gürtel oben.‘"

Die erste Begegnung des knapp 17-Jährigen mit der Roten Armee verläuft dramatisch: "Am 9. April schau ich beim Fenster unserer Wohnung hinaus und da ist ein russischer MG-Schütze bei der Schmidtgasse. Und wie ich das Fenster aufmache, schießt der auf mich. Ich gehe ganz zurück, nehme einen Besenstiel und ein Laken und hänge die weiße Fahne hinaus. Das haben die anderen Mitglieder meiner Familie gar nicht gemerkt, die waren im Keller. Ich war der einzige Depperte. Der jugendliche Leichtsinn."

"Eine Frau im Haus hat
ihn denunziert"

Ulrike Kastner hat die Schicksalstage als Kind im Hanuschhof bei der Stadionbrücke verbracht. "Ich hab im Keller in einem Kohlenkistl geschlafen", erzählt sie. "Ich kann mich erinnern, dass durch die Phosphorbomben die nackten Hausmauern gebrannt haben." Dann geschieht das Unfassbare: "Einer ist zu seiner Mutter in den Hanuschhof desertiert. Eine Frau im Haus hat ihn denunziert. Die SS ist gekommen und hat ihn im Durchgang des Hanuschhofes erschossen. Diese Frau ist nachher nicht mehr aufgetaucht. Meine Oma hat immer gesagt: ‚Hoffentlich hat man sie umgebracht.‘"

Martha Emele erlitt den Schrecken ihres Lebens, als die Rote Armee bereits im Siegestaumel war. "Ich war 14 und habe mit meinen Eltern in der Billrothstraße im 19. Bezirk gewohnt. Plötzlich läutet es, zwei Russen vor der Tür. Ein Mann war angeschossen worden und hatte einen verbundenen Kopf, der andere hat ein riesiges Küchenmesser in der Hand. Sie sind reingekommen, der Angeschossene hat meinen Vater für seine Verletzung verantwortlich gemacht. Wir sind sie nur mit der Hilfe einer Frau, die Russisch konnte, losgeworden."

Dass es in Wien zu Vergewaltigungen durch Rotarmisten gekommen ist, kann Robert Schigutt bezeugen, der das Kriegsende in Hernals miterlebt hat. "In den Tagen nach dem Einmarsch hat man Schreie von Frauen gehört. Von den offiziellen sowjetischen Stellen wurde das aber nicht geduldet, die Russen wollten als Befreier kommen und ein gutes Image haben. Die Schreie habe ich aber gehört. Da war Gewalt."