Verabschiedung der sowjetischen Soldaten am Frachtenbahnhof von Baden in Pfaffstätten, 9. September 1955. - © P. Steiner
Verabschiedung der sowjetischen Soldaten am Frachtenbahnhof von Baden in Pfaffstätten, 9. September 1955. - © P. Steiner

Anfang November 1951 begann ich eine Lehre als Buchdrucker in Baden bei Wien. Nachdem die Rote Armee sechs Jahr zuvor entscheidend zum Sieg der Alliierten über Hitler-Deutschland beigetragen und auch den Osten Österreichs erobert hatte, war Baden Sitz der Sowjetischen Truppen in Österreich. Bis zu fünfundzwanzigtausend sowjetische Soldaten hielten sich in der niederösterreichischen Kleinstadt auf und übertrafen damit an Zahl die in den Wirren der letzten Kriegstage durch Flucht in den Westen geschrumpfte Bevölkerung.

So viele Soldaten brauchten Platz, da reichte die vom Dollfuß-Regime begonnene und von der deutschen Wehrmacht im Eiltempo ausgebaute Kaserne am Stadtrand nicht aus. Die Führung der Armee besetzte die zentral gelegenen Repräsentationsbauten sowie alle großen Gebäude der Stadt und riegelte ganze Straßenzüge mit hohen Plankenzäunen ab. Es entstand eine "Verbotene Stadt" in der Stadt. Auch die Buchdruckerei, in der ich meine Lehre begann, lag ursprünglich in dem nun für Österreicher gesperrten Sektor. Der Eigentümer hatte es geschafft, einige Druckmaschinen einen Häuserblock weiter weg zu transportieren und die neue Druckerei in den Bereitschaftshallen der ehemaligen Freiwilligen Feuerwehr einzurichten.

Dort stand ich vierzehnjähriger Schulabbrecher nun hinter der großen Flügeltüre, durch die einst Löschfahrzeuge zu Brandherden ausrückten, zwischen einer sogenannten Zylinder-Schnellpresse, einem "Heidelberger" und einem alten "Tiegel" mit Fußantrieb, um das Buchdruckerhandwerk zu erlernen. Ein Buch habe ich freilich nie gedruckt. Das Kommando der Roten Armee hatte anderes im Sinn. Zwar hingen überall noch die Spruchbänder "Nie wieder Krieg", aber der Kalte Krieg hatte längst begonnen, das Wettrüsten war in vollem Gang. Da konnten fünfundzwanzigtausend Rotarmisten nicht tatenlos bleiben, sie mussten zur Erhaltung des Friedens stark sein und schießen üben. Zum Schießen braucht man ein Ziel, der Soldat einen Gegner. Solange es nicht ernst ist, genügt ein Übungsgegner, ein Pappkamerad (so der damals durchaus noch gebräuchliche Wehrmachtsjargon), eine Schießscheibe, eine Schießscheibenfigur.

Kollege aus Linol

Die lag in natürlicher Größe aus Linol geschnitten in der Zylinder-Schnellpresse, um von Farbwalzen eingeschwärzt unter dem Druckzylinder durchzulaufen und ihr Konterfei auf dem Papier zurückzulassen. Die Zeit, die sie benötigte, um in die Ausgangsposi-tion zurückzufahren, stand dem "Buch"-Drucker zur Verfügung, um einen neuen Bogen Papier einzulegen. Das war nicht viel Zeit, besonders wenn der Chef auf die Uhr schaute und nachrechnete, wie viele Schießscheibenfiguren in der Stunde, einem Arbeitstag, einem Monat, bis Ende des Jahres, gedruckt werden könnten.