Das hing unter anderem davon ab, dass die Greifer jeden neuen Bogen fest in den Griff bekamen, das Papier keine Wellen schlug und glatt vom Zylinder über den Kollegen aus Linol gezogen wurde. War das nicht der Fall, riss der Linolkollege den Bogen vom Zylinder und die Farbwalzen zerrieben ihn zu einem schwarzen Brei, den wieder loszuwerden den Ausbau und das Reinigen der Walzen bedeutete, also mindestens zwanzig Minuten Zeitverlust oder der Verlust von hundertfünfzig Schießscheibenfiguren. Das schmälerte den Gewinn für den Chef, der einen fixen Preis mit der Roten Armee ausgehandelt hatte.

Schießen im Helenental

Ohne dass es mir damals bewusst geworden wäre, war dies wohl der wahre Grund dafür, als Lehrling aufgenommen worden zu sein. Ein Mann allein konnte das Papier, das Sowjetsoldaten vor der Ausfahrt der ehemaligen Feuerwehrhalle in Rollen von offenen Lastwagen auf die Straße warfen, nicht glattziehen, damit die Greifer es auch fassen konnten. Er brauchte einen zweiten Mann auf der anderen Seite der Maschine, der den Bogen festhielt und im richtigen Moment zu sich zog, damit der Rand des Papiers gestrafft und wellenlos von den Greifern erfasst werden konnte und am anderen Ende der Maschine als Zielscheibenfigur herauskam, anstatt sein Leben frühzeitig als schwarzer Brei zu beenden. Da stand ich also zunächst auf der linken, später auch auf der rechten Seite der Schnellpresse von Allerheiligen 1951 bis Ostern 1952 und wurde Schießfigurendrucker, der sicherlich beste im ganzen Land, denn kein anderer hatte eine halbe Million davon in die Welt gesetzt.

So manchen Pappkameraden begleitete ich auch in der Stunde seines Todes, wie man die Stunde seiner Erfüllung (mit Einschusslöchern) auch nennen kann. Die fand zehn Jahre lang auf einer Wiese im Helenental statt. Außer meinen Großeltern in ihrem Waldgasthaus, neben der als Wallfahrtsort damals noch frequentierten Cholerakapelle, lebte dort niemand, also konnte man auf der Wiese fast den ganzen Tag über ungestört schießen. Gelegentliche Querschläger pfiffen fast immer am Haus vorbei, nur einmal ging ein Dachziegel kaputt. Aber was war das schon, verglichen mit dem Überfall ein Jahr nach Kriegsende, als meine Großeltern von plündernden Sowjet-Soldaten durch Kopfschüsse niedergestreckt in ihrem Blut lagen, und wie durch ein Wunder überlebten!

Die Schüsse unten auf der Wiese jenseits des Baches machten nur Lärm, waren keine Bedrohung des eigenen Lebens. Da meist in Salven geschossen wurde, auf die Pausen folgten, in denen die Schießscheibenfiguren ausgewechselt wurden, lernten wir, in den Pausen zu sprechen.

Auch diese Zeit fand ihr Ende. Im August 1955 erschienen in der Druckerei zwei mir schon von früheren Besuchen bekannte Offiziere der Roten Armee. Sie brachten ein Schriftstück, das sie in einem Exemplar gedruckt und in eine feste Mappe eingebunden haben wollten. Der Setzer setzte den Satz und ich bekam diesen zum Druck.

Während ich den Bleiletternsatz in den Rahmen spannte, las ich, in Spiegelschrift auf den Kopf gestellt - darin ist ein Buchdrucker geübt -, was die Rote Armee der Bevölkerung von Wien und dem gesamten österreichischen Volk sagen wollte. Dabei erfasste mich das Gefühl, dies sei etwas Historisches.