Dokument auf Karton

Im Mai desselben Jahres war eine Delegation der österreichischen Regierung aus Moskau zurückgekommen, ganz in der Nähe, hinter der großen Kaserne, auf dem Flugfeld von Kottingbrunn. Dieses Mal war es eine gute Nachricht, die der Bundeskanzler und der Außenminister aus Moskau mitgebracht hatten, das Versprechen, Österreich einen Staatsvertrag und somit die Souveränität zurückzugeben. Darauf bezog sich auch, was ich nun noch einmal auf dem Papier las, diesmal aufrecht und Schwarz auf Weiß. Ein Exemplar! Ich nahm das nächstbeste Stück Karton, das mir in die Hand fiel und druckte den Text ein zweites Mal. Das Blatt nahm ich mit nach Hause.

Botschaft der Sowjets an das österreichische Volk, vom Autor auf Karton gedruckt - und in seinem Besitz verblieben. - © Steiner
Botschaft der Sowjets an das österreichische Volk, vom Autor auf Karton gedruckt - und in seinem Besitz verblieben. - © Steiner

Dort lag mein "historisches Dokument" fünfzig Jahre verwahrt in einer Lade, als mir jemand sagte - ich weiß nicht mehr wer -, man bereite eine Ausstellung zur fünfzigsten Wiederkehr der Unterzeichnung des Staatsvertrages im Schloss Belvedere in Wien vor - und suche dazu Leihgaben.

Ich rief den Direktor des Heeresgeschichtlichen Museums an. Am 18. April 2005 hielt vor meinem Haus in Baden ein großer weißer Kastenwagen und mehrere in Weiß gekleidete Personen nahmen das Stück Karton mit meinen Fingerabdrücken am unteren Rand in Empfang. Es hing dann als Schluss-Exemplar des Sektors "Besatzungszeit" der Ausstellung "Das neue Österreich" an der Wand links der Tür, durch die man den zentralen Marmorsaal des Schlosses betrat, wo die Unterzeichnung des Staatsvertrages fünfzig Jahre zuvor stattgefunden hatte. Bis heute scheint niemand zu wissen, wo sich das Original befindet, sofern es überhaupt noch existiert . . .

Tanzende Soldaten

Den Offizier, der das Manuskript für den Abschiedsbrief der Roten Armee in die Druckerei gebracht hatte, sah ich noch einmal wieder, am 9. September 1955, bei der offiziellen Verabschiedung der sowjetischen Besatzung auf dem Frachtenbahnhof von Baden, der sich in Pfaffstätten befand, einem Winzerdorf im Nordosten der Stadt. Offizielle Vertreter und auch Bürger der Stadt, viele Frauen mit Kindern, wenige Männer, hatten sich auf dem Gelände eingefunden. Eigens geladen waren Vertreter der Presse und der Wochenschau. Vor der Güterkasse saß eine sowjetische Militärkapelle, umringt von Neugierigen, und davor konnte getanzt werden. Da aber kaum eine Badener Frau den Mut fand, mit einem Sowjetsoldaten zu tanzen, nahmen sich diese gegenseitig in den Arm und drehten zum Gaudium der Zuschauer einige Runden.

Es wurde bereits dunkel, als es mit der Abfahrt des bereitstehenden Zuges ernst wurde. Aus den offenen Waggonfenstern schauten Offiziere und Soldaten mit Blumen in den Händen heraus, ein Trompeter blies, ich weiß nicht was, vielleicht das Signal zum Aufbruch oder den Zapfenstreich. Hochrangige Offiziere standen vor den Waggons stramm und salutierten für Pressefotografen und Wochenschau, die von einem Mann mit tragbarem Scheinwerfer begleitet wurden. An den hielt ich mich dicht dran, denn nur so konnte ich mit meiner alten Kodak Retina Fotos von dem Ereignis machen.

Offiziell und für die Presse hatte die Rote Armee nun also Baden verlassen. Anderntags standen überall in der Stadt die olivgrün gestrichenen Lastwagen in den Straßen, und aus Türen und Fenstern schleppten Männer in den vertrauten sowjetischen Uniformen und Frauen in grell bedruckten Nylonkleidern, wie sie Russinnen liebten, Möbel und Armaturen heraus, um sie mitzunehmen, in Richtung Ungarn. Doch da waren die Leute von Presse und Wochenschau nicht mehr da, nur ich, der schon fast ausgelernte Zielscheibendrucker, mit seiner alten Kodak Retina.