Verfügte über eine unglaubliche Schnelligkeit: Violette Morris. - © anonym
Verfügte über eine unglaubliche Schnelligkeit: Violette Morris. - © anonym

Es war ein heftiger Schlag, der sie völlig unvorbereitet an der Leber traf. Sie sackte zu Boden und verlor vorübergehend jegliche Kontrolle über ihre Sinne. Als sie aus ihrer Benommenheit erwachte, wurde sie gewahr, dass das Trikot über ihre nun entblößten Brüste geschoben war, sich ihr Sparringpartner bereits seiner Shorts entledigt hatte und sich an ihrer Hose zu schaffen machte. Auf einen Schlag hellwach, konnte sie mit einem kräftigen Tritt zwischen seine Beine Schlimmeres abwehren und sich in die Umkleide flüchten. Violette Morris war gerade fünfzehn Jahre alt und hatte erst mit dem Boxsport begonnen. Jahre später witzelte sie gegenüber Freundinnen: "Was für eine Geschichte! Wahrscheinlich hätte sie mir sogar gefallen, wenn der Mann schön wie ein Gott gewesen wäre!"

Lockere Sprüche und ihre kräftige Physis sollten bald zu ihrem Markenzeichen werden. Die 1893 in Paris als Tochter eines französischen Kavallerieoffiziers und seiner vermögenden, aus Belgien stammenden Gattin geborene Violette Morris galt von klein auf als Wildfang. Sie spielte lieber mit Spielzeugsoldaten und Holzzügen als mit Puppen und ging keiner körperlichen Auseinandersetzung aus dem Wege. Wie ihre um zwei Jahre ältere Schwester Louise wurde auch sie ins Internat Abbaye de Solières im belgischen Huy geschickt, wo den unterrichtenden englischen Nonnen schnell Violettes sportliche Begabung auffiel.

Wiewohl es ihre eher pummelige Figur nicht vermuten ließ, verfügte sie über eine unglaubliche Schnelligkeit. Als sie 1908 ihr Internat bei den internationalen Schülerwettkämpfen in Wales vertrat, gewann sie zwei Laufkonkurrenzen über die Sprintdistanz, ein Mittelstreckenrennen und zwei Schwimmwettbewerbe. Die auf 1,66 Meter Körpergröße verteilten 68 Kilogramm mussten eine Konzentration purer Kraft gewesen sein, die sie in weiterer Folge zum Kugel-, Diskus- und Speerwurf, aber auch zum Fußball, Rad- und Motorsport und anderen Disziplinen führte, wo sie sich oft gegen männliche Konkurrenz behauptete.

Während des Ersten Weltkriegs meldete sie sich als Sanitäterin an die Somme-Front und wurde später als Motorradkurierin in Verdun eingesetzt. Im Sommer 1916 erkrankte sie an einer Rippenfellentzündung und kehrte nach einem mehrmonatigen Lazarettaufenthalt nicht mehr ins Feld zurück. Ihre Eltern verstarben 1918 und hinterließen den Töchtern ein beträchtliches Erbe.

Die kriegsbedingte Abwesenheit der Männer hatte den Frauen jenen Freiraum geschaffen, der es ihnen ermöglichte, ihre eigenen Organisationen zu gründen. In ganz Frankreich entstanden von einer starken Frauenbewegung initiierte Vereinigungen und Sportclubs. Bereits 1919 war Morris in die Fédération Française des sports féminins (FFSF) aufgenommen worden und errang 1921 bei den "Monte Carlo Games" - einer erstmalig ausgetragenen Ersatzveranstaltung für die Olympischen Spiele, von denen Frauen damals weitgehend ausgeschlossen waren - Gold im Kugelstoßen und im Speerwurf. Bei den "Women’s World Games" 1922 in Paris gewann sie Silber im Kugelstoßen und zwei Jahre später bei der "Women’s Olympiad" in London Gold im Kugelstoßen und Speerwurf.