Sie war als Fußballerin auf verschiedenen Positionen für Fémina Sport Paris, Olympique de Paris und die Nationalmannschaft aktiv. Stand sie im Tor, missachtete sie die Vorschrift, eine Kappe zu tragen. Sie legte sich mit den Schiedsrichtern an und fluchte lautstark über deren Fehlentscheidungen. Sie verabreichte ihren Teamkolleginnen leistungssteigernde Substanzen und wurde daraufhin vom Fußballsport ausgeschlossen.

Morris entsprach in keiner Weise dem herkömmlichen Frauenbild. Ihr Auftritt und ihre Sprache waren oft derb, sie war trinkfest und rauchte bis zu drei Schachteln amerikanischer Zigaretten am Tag. Ihre männliche Garderobe aus Sakko, Hose, Hemd und Krawatte wirkte provokant, ihr kurz geschnittenes und oft an einem Seitenscheitel ausgerichtetes Haar verliehen ihr starke Burschikosität.

In der Liebe schien sie unentschieden, hatte Affären mit Männern ebenso wie mit Frauen. Sie war eine erfolgreiche Autorennfahrerin, siegte bei französischen Klassikern und feierte 1927 ihren größten Motorsporttriumph mit dem Gewinn des "Bol d’Or", einem 24-Stunden-Rennen, das bis 1955 auch Autos zuließ, ehe es eine reine Motorradveranstaltung wurde.

Doch im selben Jahr wurde Morris mit einer folgenschweren Entscheidung konfrontiert: Die FFSF hatte die Verlängerung ihrer Sportlizenz mit der Begründung verweigert, dass ihr Lebenswandel unsittlich, ihr undiszipliniertes Verhalten einer Sportlerin nicht würdig und ihre männliche Kleidung anstößig wären. Konkret bedeutete das: Sie konnte bei den Olympischen Spielen 1928 in Amsterdam, als erstmals Frauen zu Leichtathletikwettbewerben zugelassen wurden und sie sich berechtigte Medaillenchancen ausgerechnet hatte, nicht teilnehmen.

So musste sie aus der Ferne erleben, wie die polnische Diskuswerferin Halina Konopacka jene Goldmedaille errang, von der sie doch meinte, dass sie ihr zustehen würde, und registrierte wohl mit etwas Schadenfreude, dass der französischen Staffel über 4 mal 100 Meter hinter Kanada, den USA und Deutschland nur der undankbare vierte Platz blieb.

Das Jahr 1928 bedeutete eine tiefe Zäsur in Morris’ Leben, in dem fortan nicht mehr der Sport Priorität hatte. Sie eröffnete ein Geschäft für Motorrad- und Autozubehör und tauchte zudem tief in das Pariser Nachtleben ein. Sie stand gemeinsam mit der weltberühmten Tänzerin Josephine Baker auf der Bühne und trat als Sängerin, deren Darbietungen sogar im Radio übertragen wurden, auf. Und Jahre später beherbergte sie (während seiner Arbeit an "Les Monstres sacrés") den Schriftsteller Jean Cocteau, den sie mit einer verwegenen Fahrt durch das Kriegsgebiet zu seinem Geliebten, dem Schauspieler Jean Marais, bringen sollte.

Brust-Amputation

Davor schon hatte sie ihre radikalste Entscheidung getroffen: sich ihre Brüste amputieren zu lassen. Es war wahrscheinlich die einzig mögliche - wenngleich unzureichende - zeitgenössische chirurgische Maßnahme, als Transsexuelle, die sie wohl war, dem ungeliebten eigenen Körper zu entkommen. Morris selbst argumentierte mit dem praktischen Nutzen: Nun habe sie mehr Platz hinter dem Lenkrad.