Ihr Prozess, den sie 1930 gegen die FFSF führte (in dem sie der Vereinigung Machtwillkür vorwarf und die Wiederzuerkennung ihrer Lizenz sowie 100.000 Franc Schadenersatz forderte), wurde in eine ganz andere Richtung gelenkt: Ist es Frauen erlaubt, Hosen zu tragen? Das Gericht verneinte diese Frage, womit es der FFSF eine rechtliche Grundlage für Morris’ Ausschluss bot. Erst 2013 strich Frankreich - wenngleich schon längst totes Recht - sein aus napoleonischer Zeit datiertes Hosenverbot für Frauen aus dem Gesetzbuch. Morris ging 1932 mit ihrem Geschäft in Konkurs und zog sich auf ihr Hausboot zurück. Prominent und viel gesehen blieb sie weiterhin. In die Schlagzeilen gelangte sie 1937, als sie auf ihrem Boot einen Mann erschoss. Die Umstände der Tat blieben im Unklaren und selbige zeitigte keine strafrechtliche Konsequenz: Das Gericht billigte ihr Notwehr zu.

Darüber, wie sich ihr Lebensweg in den nächsten Jahren gestaltete, gehen die Meinungen ihrer Biografen auseinander. Raymond Ruffin (1929-2007), der zahlreiche Bücher über die Résistance und zwei über Morris geschrieben hat, behauptet, dass sie 1936 als Ehrengast von Adolf Hitler zu den Olympischen Spielen in Berlin eingeladen und vom nationalsozialistischen Sicherheitsdienst angeworben worden wäre. Als Spionin in deutschen Diensten hätte sie unter anderem Teilpläne der MaginotLinie und Details über Renaults wichtigsten Kampfpanzer Somua S-35 verraten. Ruffin bescheinigt Morris eine bis in hohe Kreise reichende gute Vernetzung, die es ihr ermöglichte, entsprechendes Wissen abzuschöpfen. Er schließt nicht aus, dass sie intensiven Kontakt zu übelsten Kollaborateuren des Vichy-Regimes hatte, bei Gestapo-Verhören anwesend gewesen sei und an die Verdächtigen auch selbst Hand angelegt habe.

Genährt werden diese Annahmen möglicherweise auch von dem Bild, das Morris vermittelt: Eine sehr kräftige, maskuline Person, deren ausgeprägte, Brutalität suggerierende Physis mit dem Hass auf ihr Heimatland einherging, der sie einmal sagen ließ: "Wir leben in einem Land, das von Schurken, Intriganten und Feiglingen regiert wird. Dieses Land der kleinen Menschen ist seiner Ältesten nicht würdig. Eines Tages wird es seine Dekadenz in den Rang eines Sklaven führen. Aber wenn ich noch hier bin, werde ich nicht zu den Sklaven gehören. Das liegt nicht in meinem Temperament!"

Kein Foto mit Hitler

Die französische Historikerin Marie-Josèphe Bonnet hingegen wertet die Ergebnisse ihrer Recherchen für ihr 2011 erschienenes Buch "Violette Morris - Histoire d’une scandaleuse" zwar als Hinweis auf Morris’ Kollaborationstätigkeit, meint aber, auf nichts gestoßen zu sein, das die Schilderungen Ruffins untermauern würde. Sie zweifelt bereits den Beginn von Morris’ Agententätigkeit an und fragt: Wenn sie 1936 Hitlers Ehrengast war, warum gibt es dann kein Foto von ihr? Eine Frage, die bis heute unbeantwortet ist. Laut Bonnet war Morris als Chauffeurin für einen hohen französischen Militär tätig und hatte - sehr beschränkten - Einblick in die Rüstungsindustrie. In den Fokus der Résistance habe sie ihrer Ansicht nach ihr umtriebiger Schwarzhandel gebracht.

Am 26. April 1944 lauerten Résistancekämpfer Morris auf einer Landstraße nordwestlich von Paris in einem Hinterhalt auf. Als ihr Citroën ins Schussfeld geriet, wurde von mehreren Seiten das Feuer eröffnet. Im Kugelhagel starben außer Morris auch ein Ehepaar und dessen beide Kinder, die mit ihr im Wagen saßen.

Ruffin behauptet, es wäre ein Befehl aus London gewesen, Morris zu liquidieren. Schließlich soll mit ihrer Hilfe 1943 eine Gruppe englischer Rennfahrer, die für die Special Operations Executive (SOE) tätig war, ausgeschaltet worden sein. Unter ihnen William Grover-Williams, Sieger des ersten Grand Prix von Monaco (1929), und Robert Benoist, Le-Mans-Champion von 1937. Während Grover-Williams umgehend ins KZ Sachsenhausen verbracht wurde, gelang Benoist zunächst die Flucht - und er soll seine noch in Freiheit verbliebenen Gefährten vor Morris, die er als "Hyäne der Gestapo" bezeichnete, gewarnt haben. Schließlich wurde auch er gefasst, im KZ Buchenwald inhaftiert und ebenfalls ermordet.