Bereits ab dem siebten Lebensjahr erhielt das Mädchen Orgel- und Klavierunterricht. Die Eltern hatten Vertreter der Wiener Musikerprominenz zur Ausbildung ihres Sorgenkindes herangezogen. So verdankte sie ihre musikalische Präzision einem der beliebtesten Klaviermeister der Wiener Gesellschaft, dem angesehenen tschechischen Virtuosen und Musikpädagogen Leopold Kozeluch. Für seine berühmte Schülerin schrieb Kozeluch Klaviermusik, vor allem große Konzerte, die sie zunächst in Wien, später auf einer dreijährigen Kunstreise durch ganz Westeuropa spielte - mit beträchtlichem Publikumserfolg. Auch der k.k. Hofkapellmeister Anton Salieri gehörte zu ihren Lehrern. Er unterwies sie unter anderem in dramatischer Komposition und in Harmonielehre - und widmete der begabten Schülerin ein 1773 komponiertes Orgelkonzert, das sie in der Augustinerkirche aufführte.

Entgegen verbreiteten Behauptungen war Paradis kein Patenkind der Regentin Maria Theresia. Beeindruckt von den Orgelkonzerten der Elfjährigen, gewährte diese finanzielle Unterstützung. Wie die Musikwissenschafterin Marion Fürst belegt, sang die Sechzehnjährige 1775 in einem aufsehenerregenden Konzert in der Wiener Augustinerkirche den Solosopranpart in Pergolesis "Stabat Mater".

Eine weitere geniale Person im Leben von Maria Theresia Paradis war der Arzt und Magnetiseur Dr. Franz Anton Mesmer, der sie von ihrer Blindheit zu erlösen versprach. Mesmer hatte den Ruf eines Wunderheilers und nahm einen rasanten sozialen Aufstieg in Wien. Zu seinen Freunden zählten Christoph W. Gluck, Joseph Haydn und die Familie Mozart. Die Wiener Ärzteschaft stand seiner Heilungsmethode, dem "animalischen Magnetismus", ablehnend gegenüber. Als Mesmer 1775 die 18-jährige, musikalisch gut ausgebildete Maria Theresia in seinem Haus an der Landstraße behandelte und sie auch dort wohnen ließ, waren bereits sämtliche Heilversuche gescheitert.

"Scharlatan" Mesmer

Maria Theresia geriet nun in einen Konflikt. Waren ihre Eltern anfänglich über die Seherfolge ihrer Tochter begeistert, wandelte sich die Situation in Feindseligkeit und Misstrauen, denn die Heilung war an die Anwesenheit Mesmers gebunden. Als eine Wiener Ärztekommission den Behandlungserfolg bezweifelte, kam es zu einer Auseinandersetzung der Familie Paradis mit Mesmer.

Wie die Musikwissenschafterin Marion Fürst belegt, eskalierte die Situation: Man versuchte die Tochter mit Hilfe der Gerichte aus dem Haus des mutmaßlichen Scharlatans zu befreien. Vater Paradis drohte mit dem Degen, die entnervte, wütende Mutter Paradis wurde sogar gegenüber ihrer Tochter handgreiflich und fiel schließlich in Ohnmacht. Dennoch kehrte Maria Theresia nach Hause zurück und setzte ihre Karriere fort.

Mesmer verließ 1777 fluchtartig Wien. Er bezweifelte sein Leben lang die unheilbare Blindheit seiner jungen Patientin. So behauptete er, sie hätte als Geheilte ihre Berühmtheit und die finanzielle Unterstützung der Regentin verloren, weshalb ihre Familie nicht an einem Erfolg seiner Sitzungen interessiert gewesen sei.

Trotz der allgemeinen Ablehnung von weiblicher Mobilität waren "reisende Frauenzimmer" am Ende des 18. Jahrhunderts auf Europas Straßen unterwegs. Im Sommer 1783 begab sich Paradis gemeinsam mit der Mutter, "zwei Consorten, Jungfer und Bedienten" auf eine dreijährige Kunstreise. Eine besondere Herausforderung stellten die Logistik, das schlecht ausgebaute Straßensystem und die teils üblen Unterkünfte dar. Die Reise führte in die Schweiz, nach Frankreich, England, in die Österreichischen Niederlande und nach Böhmen. Durch diese im August 1783 in Linz begonnene Konzertreise wurde die Pianistin über die Grenzen der österreichischen Monarchie und der deutschen Länder hinaus bekannt.