Im Sommer 1919 kehren Eddington und seine Kollegen mit den während der Finsternis belichteten Platten nach England zurück. Sie vergleichen sie mit anderen, die den Sternhaufen der Hyaden ohne Sonne zeigen. Die Positionen der abgebildeten Sternchen müssen mit äußerster Präzision vermessen werden - denn selbst bei einer Fernrohrbrennweite von sechs Metern ist eine Bogensekunde auf der Platte bloß 0,029 mm klein. Messunsicherheiten sind da grundsätzlich unvermeidbar.

Die Forscher halten fest: Sollte die von ihnen ermittelte Lichtablenkung am Sonnenrand um 0,87 Bogensekunden betragen, wäre das noch mit Newtons Gravitationstheorie vereinbar. Läge sie hingegen bei 1,75 Bogensekunden, würde das Einsteins neue Gravitationstheorie bestätigen.

Die Temperaturschwankungen haben das große Sobral-Teleskop aus dem Fokus gebracht: Die Sternscheibchen auf allen 29 Platten sind unscharf, ihre Positionen schwer zu vermessen. Versucht man es trotzdem, ergibt sich für die Ablenkung zunächst ein unsicherer Mittelwert von 0,93 Bogensekunden. Das spricht für Newton. Die Aufnahmen des gleich großen Teleskops auf Principe konnten des Wolkenschleiers wegen bestenfalls wenige Sterne ablichten. Mittelwert: 1,61 Bogensekunden; Unsicherheit: 0,30. Ein Sieg für Einstein. Die acht mit dem kleinen Sobral-Teleskop belichteten Platten zeigen die qualitativ beste Sternabbildung. Damit kommt man im Mittel auf 1,98 Bogensekunden (Unsicherheit 0,12). Auch das liegt nah an Einsteins Vorhersage. Eddington ist begeistert, spricht vom "größten Moment" seines Lebens.

Am 6. November 1919 verkündet Frank Dyson das Resultat bei einem Meeting britischer Wissenschafter. Der Präsident der Royal Society, Joseph Thomson, würdigt Einsteins Allgemeine Relativitätstheorie daraufhin als "eine der größten Errungenschaften menschlichen Denkens". Die "London Times" titelt: "Wissenschaftliche Revolution - neue Theorie des Universums - Newtons Vorstellungen gestürzt". Und die "New York Times" meint: "Lichter am Himmel alle schief . . . aber niemand muss sich Sorgen machen".

Einstein - er leitet mittlerweile das Kaiser-Wilhelm-Institut für Physik in Berlin - wird gefeiert. Im Dezember nimmt sein Porträtfoto fast die ganze Titelseite der "Berliner Illustrirten Zeitung" ein: Man rühmt ihn als "neue Größe der Weltgeschichte". Seine Forschungen bedeuteten eine völlige Umwälzung der Naturbetrachtung, seine Erkenntnisse wären gleichwertig mit denen eines Kopernikus, Kepler und Newton. Der 40-Jährige ist schlagartig berühmt, ja populär. Journalisten geben sich die Klinke in die Hand. Für jedes Porträtfoto ertrotzt Einstein eine Spende - für die hungernden Kinder in Wien.

Unter Beschuss

Eigentlich war es Dyson, der die unscharfen Bilder des großen Sobral-Teleskops ausgesondert hat. Kritiker schießen sich aber vor allem auf den Pazifisten Eddington ein: Er sei voreingenommen gewesen, hätte England und Deutschland mit dem positiven Resultat womöglich nur "aussöhnen" wollen. 1922 misst ein Team der US-Lick-Sternwarte bei einer Sonnenfinsternis 1,72 Bogensekunden - was bestens zu Einstein passt. In Deutschland ist auch dieser Beleg schließlich wertlos: Propagandaminister Joseph Goebbels lässt Einsteins Bücher verbrennen. Die Relativitätstheorie gilt den Nazis als "Betrug" und als Versuch, die "arische Wissenschaft" zu stürzen. Denn ihr Autor ist Jude. Der Franke Bruno Thüring bezeichnet "die Ära Einstein als eine der seltsamsten und traurigsten Verirrungen des Menschengeistes". Thüring wird 1940 zum Direktor der Wiener Universitätssternwarte ernannt.

Bis 1973 erhält man für die Lichtablenkung stark streuende Resultate zwischen 1,2 und 2,7 Bogensekunden. Mittelwert: 1,9. Danach braucht es keine Finsternisse mehr. Radioteleskope bestätigen Einstein auch am lichten Tag, und das mit höchster Präzision. 2017 wiederholt der kalifornische Amateurastronom Donald Bruns das Sonnenfinsternis-Experiment von Eddington und Dyson dennoch, diesmal aber mit Hilfe der Digitalfotografie. Er nutzt ein Fernrohr von zehn cm Öffnung sowie die professionelle Ausmessungssoftware Astrometrica: Sie stammt vom Oberösterreicher Herbert Raab. Das Ergebnis liegt, wie Bruns mitteilte, extrem nahe am Einstein’schen Wert von 1,75 Bogensekunden.

Am 2. Juli 2019 wird die Lichtablenkung mit einem Teleskop der europäischen Südsternwarte in La Silla, Chile, neuerlich gemessen werden; wieder bei einer totalen Sonnenfinsternis und vor allem aus historischen Gründen. Denn für die Wissenschaft war wohl keine Finsternis so bedeutend wie jene vom 29. Mai 1919.