Die aktuellen Darstellungen des vor 100 Jahren angebrochenen Roten Wien vertragen wohl einige wesentliche Ergänzungen, die in der historischen Erzählung weitgehend vernachlässigt werden. Eine solche Episode begann 1919, im ersten Nachkriegs-Notstand, als forsche Initiative beherzter Gruppierungen, die bald als "Wiener Siedlerbewegung" um sich griff.

"Um alle Eigentumsrechte unbekümmert" (Otto Bauer), besetzten damals Selbsthilfler - oftmals Straßen- und Eisenbahner - ohne viel zu fragen brachliegende Grundstücke am Stadtrand, um dort Eigenversorger-Siedlungen, anfangs simple "Brettldörfer" wie etwa am Rosenhügel oder am Wolfersberg, zu errichten. Die einander zugeordneten Grünflächen waren wesentlich weitläufiger als in herkömmlichen Schrebergärten, hier konnten Gemüse angebaut, Ziegen ("Eisenbahnerkühe") gehalten oder auch Toilettenreste deponiert werden, was die Namensgebung "Kübeldorf" zeitigte. Das benötigte Baumaterial wurde auf teils nicht gerade lupenreinen Wegen - unter anderem auf "geborgten" Draisinen - herbeigeschafft.

Ein gewisser Hauch von Anarchie und Illegalität verursachte in der Folge interessante politische Wechselspiele. Auf der einen Seite entwickelte sich die kecke Siedelei zu einer Art Massenbewegung, andererseits konnte oder wollte die junge, budgetär ausgehungerte Administration des Roten Wien so viel Eigenwilligkeit nicht befürworten.

Legalisierte Okkupation

Ein Eckdatum hiefür ist der 3. April 1921: Einer Siedlerdemonstration vor dem Rathaus sollen an die 50.000 Menschen gefolgt sein, sie scharten sich hinter Transparenten mit Parolen wie beispielsweise "Gebt uns Land, Holz und Stein - wir machen Brot daraus". Der damalige sozialdemokratische Bürgermeister Jakob Reumann hat sich vor dem Aufmarsch keinesfalls gedrückt, sondern verkündete vom schlichten Podium aus zukunftsorientierte Maßnahmen.

Als eine Konsequenz wurde den "wilden Rodungssiedlungen" teilweise offizielles Baurecht eingeräumt, also die Okkupation von Grundflächen quasi legalisiert. Zügig wurde zudem ein Großprogramm zur Sicherung von Bauland und zur Errichtung der zurecht viel gerühmten Wiener Gemeindebauten entworfen, woraus sich ein durchaus befruchtender Wettbewerb zwischen dem Konzept der verdichteten Flachbausiedlung und jenem des "Volkswohnungspalastes" ergab.

Nach Reumann ist der erste kommunale "Superblock" am heutigen Margaretengürtel benannt, jener Verkehrsader, die zeitweise auch als "Ringstraße des Proletariats" firmierte. - Nur zur seltsam unbekannten Größenordnung: In der Zwischenkriegszeit bis 1933 entstanden rund 65.000 Gemeindewohnungen; die Konstrukte der Wiener Siedlerbewegung im Grüngürtel der Stadt kamen auf ca. 6500 Einheiten, also etwa auf ein beträchtliches Zehntel des sozialen Wohnbaus.