Seit 1923 betrieben die Faschisten eine rigorose Italianisierungs- und Majorisierungspolitik in Südtirol: die deutsche Sprache wurde verboten, deutsche Schulen geschlossen und Italiener aus dem Süden angesiedelt. Dies führte dazu, dass für die Südtiroler ihre Heimat zunehmend "unwirtlich" wurde. Viele hofften damals auf Hilfe von Deutschland, erst recht und immer mehr seit 1933, fasziniert von dem, was Hitler unter dem Motto "Ein Volk - ein Reich - ein Führer" scheinbar Großes vollbrachte.

Nach dem "Anschluss" Österreichs im März 1938 schien es nur eine Frage der Zeit, bis der "Führer" auch Südtirol "heim ins Reich" holen würde. So wie die illegalen Nazis in Österreich triumphierten, hofften die illegalen Nazis in Südtirol, die sich im "Völkischen Kampfring Südtirols" (VKS) organisiert hatten, auch selbst bald zu triumphieren.

Die Ernüchterung war umso schmerzhafter. Sie kam für etliche am 7. Mai 1938 mit Hitlers Rede in Rom, in der er erneut klarmachte, dass es sein "unerschütterlicher Wille und sein Vermächtnis an das deutsche Volk" sei, die "von der Natur aufgerichtete Alpengrenze für immer als eine unantastbare anzusehen". Ein führender Vertreter des VKS, Norbert Mumelter, erlebte die Rede Hitlers mit. Sein Tagebucheintrag zeigt, wohin die Reise des VKS gehen würde: Das "Vermächtnis des Führers" schmetterte ihn zunächst "geistig zu Boden", doch dann fasste er sich und schrieb am nächsten Tag, was für ihn der "Endsinn" war: "Für Großdeutschlands muss man selbst seine Heimat opfern können."

Geopfertes Deutschtum

Konkret wurde das am 23. Juni 1939, als in Berlin das sogenannte "Hitler-Mussolini-Abkommen" unterzeichnet wurde, mit dem das Schicksal Südtirols radikal und endgültig besiegelt werden sollte. Für das Bündnis mit Italien sollte das Deutschtum in Südtirol geopfert werden. Nach zwei Stunden waren sich Deutsche und Italiener grundsätzlich einig über eine Umsiedlung der Südtiroler. "Volkliche Flurbereinigung" hieß das im NS-Jargon, heute würde man es wohl "ethnische Säuberung" nennen.

Federführend bei der ganzen Aktion war bezeichnenderweise "Reichsführer SS" Heinrich Himmler, der im Oktober 1939 von Hitler zum "Reichskommissar für die Festigung des deutschen Volkstums" ernannt wurde.

Täglich verlassen Umsiedlerzüge die SüdtirolerBahnhöfe. Am Ende sind es etwa 75.000 Südtiroler, die ihr Land verlassen. - © Archiv Rolf Steininger
Täglich verlassen Umsiedlerzüge die SüdtirolerBahnhöfe. Am Ende sind es etwa 75.000 Südtiroler, die ihr Land verlassen. - © Archiv Rolf Steininger

Die Südtiroler wurden vor die Wahl gestellt, entweder für die deutsche Staatsbürgerschaft zu optieren, was Aussiedlung aus der angestammten Heimat bedeutete, oder für die Beibehaltung der italienischen Staatsbürgerschaft - mit der Drohung, dann keinerlei Schutz mehr für sich in Anspruch nehmen zu können. Die bittere Alternative lautete: entweder durch Dableiben dem Volkstum oder durch Gehen der Heimat untreu werden, entweder in der zunehmend "welschen" Heimat bleiben, unter dem Damoklesschwert, "südlich des Po" angesiedelt zu werden - entsprechend der in Berlin entwickelten "Sizilianischen Legende" - oder ins Deutsche Reich bzw. in von Deutschland erobertes Gebiet übersiedeln. Die Heimat würden sie in jedem Fall verlieren.