Baselga di Pine. (eb) Garum war der Römer liebste Würze. Hergestellt aus in Salzlake fermentierten Fischen (vergleichbar der thailändischen Fischsoße), wurde das Gebräu sogar manchen Süßspeisen hinzugefügt. Das Geheimnis von Garum: Es schmeckt kaum fischig, dafür intensiviert es die Geschmacksrichtungen.

Wer also Garum verwendete, war den leiblichen Genüssen nicht abgeneigt. Wenn im Jahr 230 nach Christus ein gewisser Arrianus seinen Bruder Paulus in einem Brief bittet, ihm "die beste Fischsoße" mitzubringen, die er finden kann, so lässt das darauf schließen, dass dieser Arrianus das ganz normale Leben eines Römers lebte. Allerdings: Dieser Arrianus beendet den Brief so: "Ich bete, dass es Dir gut geht - im Herrn." Das ist ein Hinweis darauf, dass Arrianus Christ war – und was er in diesem Brief von sich preisgibt, passt nicht ansatzweise zum Bild der asketischen und weltabgewandten frühen Christen, das die Geschichtsschreibung bisher vermittelt hat.

Teilnahme am Alltag

"Die ersten Christen nahmen durchaus am politischen Leben teil, sie reisten und sie besaßen Ländereien", schließt denn auch Sabine Huebner, Professorin für Alte Geschichte an der Uni Basel, aus dem als ältesten bekannten christlichen Privatbrief identifizierten Schriftstück. Die Deutsche hat am Mittwoch ein Buch über Einblicke in den Alltag der ersten Christen veröffentlicht, die sie aus der Basler Papyrus-Sammlung mit rund 65 Schriftstücken gewann. "Diese Brüder verbanden ihren christlichen Glauben offensichtlich mühelos mit dem Alltag als Mitglied der lokalen Oberschicht", meinte Huebner.

Muss die Geschichte der ersten Christen also umgeschrieben werden? Die Geschichtsschreibung des frühen Christentums stammt aus der Feder hoher christlicher Würdenträger. Es ist gut möglich, dass sie ihre Glaubensbrüder auf eine Weise darstellen wollten, die mit der Realität wenig zu tun hatte. Weltabgewandte Asketen, die den Kaiserkult verweigerten, Staatsämtern entsagten, ihren Reichtum aufgaben und auf den Märtyrertod warteten, vielleicht sogar hofften – das ist das bisherige Bild. Aber entspricht es auch der Realität? Oder war es Propaganda zugunsten eines neuen nicht-heidnischen Lebensgefühls?

Nicht jeder kapselte sich ab

Sebastian Ristow vom Archäologischen Institut Köln hat das frühe Christentum als einen Forschungsschwerpunkt. Ihn überraschen Huebners Erkenntnisse nicht sonderlich; auch nicht, dass Christen Staatsämter bekleidet haben, wie aus dem Brief hervorgeht: "Das dürfte nicht anders gewesen sein als heute", meinte er. Manche Leute hätten sich tief religiös abgekapselt, andere nicht. "Es ist natürlich spannend, wenn man das jetzt dokumentiert findet", sagte er.

Der Brief ist auf Altgriechisch geschrieben, was ebenfalls die Zugehörigkeit Arrians zu einer gehobenen Bevölkerungsschicht verrät. Er gehört zu einem Archiv mit etwa 1000 Papyri, das vor mehr als 100 Jahren in Fayum in Ägypten gefunden wurde. Daraus seien erst rund 400 Papyri editiert: "Wir wissen nicht, was in den anderen 600 steht".

Christliche Namen

Aber noch etwas ist interessant in Zusammenhang mit diesem Brief: Das Christentum hatte sich im frühen 3. Jahrhundert nachweislich bis ins ägyptische Hinterland ausgebreitet, zumindest, soweit dieses romanisiert war – und christliche Eltern nannten ihre Kinder bereits nach Aposteln, Missionaren und Märtyrern, denn ein traditioneller römischer Name ist Paulus nicht. (apa)