College Station/Wien. (gral/apa) Der Reise des modernen Menschen aus seiner Wiege in Afrika in die Welt versuchen Forscher seit jeher auf die Spur zu kommen. Immer wieder tun sich neue Erkenntnisse auf, die praktisch allerorts auf frühere Besiedelungen hindeuten. Neue archäologische und genetische Nachweise lassen etwa vermuten, dass der moderne Mensch bereits vor rund 15.000 Jahren auf dem amerikanischen Kontinent angekommen ist und nicht wie bisher angenommen vor 13.000 Jahren. Und auch Afrika hat der Homo sapiens einer aktuellen Studie zufolge viel eher verlassen und sich 150.000 Jahre früher in Europa angesiedelt, berichten Forscher der Universitäten Tübingen und Athen.

Nord- und Südamerika waren jene Kontinente, die der moderne Mensch als letztes besiedelte - erst gegen Ende des Pleistozäns. DNA von gegenwärtiger Bevölkerung und frühen Individuen zeigen, dass die ersten Amerikaner den Kontinent über die Eisfläche, die Kanada bedeckte, erreichten, beschreiben die Forscher im Fachblatt "Science". Das war vor 17.500 bis 14.600 Jahren.

Werkzeuge und Schädel

Die archäologischen Nachweise wie Faustkeile, Klingen und Knochenwerkzeuge deuten auf eine Benutzung vor rund 15.500 Jahren hin. Forscher um den Anthropologen Michael Waters von der Texas A&M University haben die neuen Daten von bereits bekannten Ausgrabungsstätten in Alaska, dem Osten der USA und Südamerika sowie neuen Stätten, als Grundlage für ihre Expertise.

Bei den Siedlern handelte es sich um die sogenannte Clovis-Kultur - die erste flächig verbreitete prähistorische Kultur auf dem amerikanischen Kontinent. Ihr eigen sich charakteristische Projektilspitzen aus Feuerstein mit doppelseitigen Schneiden und beidseitigen Flächenretuschen. Die Kultur ist nach dem Ort Clovis im US-Bundesstaat New Mexico benannt, wo die ersten solcher Spitzen im Jahr 1937 ausgegraben worden waren.

Die genetischen Untersuchungen zeigen, dass Ostasien das Ursprungsland der ersten Amerikaner war. Dort müssten sie auch nach den mitgebrachten Technologien Ausschau halten, erklären die Wissenschafter in ihrer Arbeit. Auch Daten von Aufzeichnungen aus dem Jungpaläolithikum in Sibirien zeigen deutliche Hinweise auf eine spätere Ansammlung im Osten Beringias - der Region zwischen Ostsibirien und Alaska. Die dortige durch Austrocknung gebildete Landbrücke hatte während des Pleistozäns nicht nur zu einem Faunenaustausch geführt, sondern auch die Reise des Menschen ermöglicht.

Es gilt als Konsens in der Wissenschaft, dass sich der anatomisch moderne Mensch in Afrika entwickelt und von dort auf der ganzen Welt verbreitet hat. Eine erste Ausbreitungswelle scheint viel früher erfolgt zu sein und auch geografisch weitreichender bis nach Europa, so die Paläoanthropologin Katerina Harvati von der Uni Tübingen in "Nature".

150.000 Jahre früher

Ihrer Untersuchung liegt ein Schädel eines modernen Menschen zugrunde, der vom Fundort Apidima in Südgriechenland stammt. Ihn datierten sie auf ein Alter von 210.000 Jahren. Wegen seiner Merkmale wie einem gerundeten Hinterkopf ordneten sie ihn einer frühen Form des Homo sapiens zu. Der Schädel stamme damit vom ältesten modernen Menschen, der außerhalb Afrikas gefunden wurde. Bisher bekannte Homo sapiens- Funde in Europa sind mehr als 150.000 Jahre jünger, so die Forscher.

Einen zweiten Schädel vom gleichen Fundort identifizierten die Wissenschafter als Überrest eines Neandertalers. Ihrer Erkenntnis nach ist er 170.000 Jahre alt. Sie schließen daraus, dass in der Epoche des Mittelpleistozäns im heutigen Griechenland erst eine frühe Population des Homo sapiens und später Neandertaler lebten. Die Schädelanalysen deuten darauf hin, dass letztere später wiederum von neu ankommenden anatomisch modernen Menschen verdrängt wurden.

Nach Angaben von Faysal Bibi vom Museum für Naturkunde in Berlin fügen sich die Forschungsergebnisse in eine Reihe von Entdeckungen der vergangenen Jahre etwa aus Israel oder China, die die Geschichte des Homo sapiens immer älter und komplexer scheinen lassen.

Forscher meldet Zweifel an

Er äußerte jedoch Vorbehalte, weil die jetzt neu interpretierten Schädelknochen aus Griechenland nur noch in Bruchstücken vorhanden sind. Zudem sei die von den Forschern verwendete radiometrische Datierungsmethode umstritten. In der Vergangenheit habe sie oft falsche Ergebnisse geliefert. "Es braucht mehr und bessere Fossilien, um jeden zu überzeugen, dass Homo sapiens so früh in Griechenland lebte, und Daten zur Bestätigung", betont Bibi. "Die neue Studie liefert aber exzellente Gründe, um weiter zu suchen."