Ein Eisbohrkern wird begutachtet. - © Desert Research Institute
Ein Eisbohrkern wird begutachtet. - © Desert Research Institute

Reno/Wien. Nicht nur archäologische Befunde, genetische Nachweise und historische Aufzeichnungen zeugen von Ereignissen in der Vergangenheit, sondern auch die Analysen von Eisbohrkernen. So lässt sich daraus etwa die Entwicklung der europäischen Wirtschaft ablesen, aber auch die Auswirkung von Kriegen und Plagen darauf. Dabei sind die Forscher einem bestimmten Stoff auf der Spur: Blei.

Seit Tausenden von Jahren befördert der Mensch das Metall in seine Umwelt. Sei es durch den Abbau und das Schmelzen von Silber für die Herstellung der Münzen im Alten Rom oder durch die Verbrennung fossiler Treibstoffe in der Gegenwart. Das freigesetzte Blei verbreitet sich durch den Wind in der Atmosphäre und lässt sich etwa in Regionen wie der umfangreichen Eisdecke in Grönland oder anderen Teilen der Arktis nieder.

Forscher des Desert Research Institute (DRI) in Reno haben herausgefunden, dass sich die Bleiablagerungen in den Eisschichten als Indikator für die wirtschaftliche Aktivität in der Vergangenheit nutzen lassen. Das Team um Joe McConnell untersuchte 13 Eiskerne von Grönland und der russischen Arktis auf Bleispuren. In Zeiten von Expansion in Europa oder der Einführung neuer Technologien zeigt sich darin eine stärkere Verunreinigung. Auch ein warm-feuchtes Klima schlägt sich derart nieder. Weniger Ablagerungen wiederum würden auf Kriege, Pest, Hungersnöte und Klimastörungen hinweisen, erklären die Forscher im Fachblatt "Proceedings of the National Academy of Sciences".

Die Studie zeigt allerdings auch, dass trotz der Höhen und Tiefen die Bleikontaminierung insgesamt gesehen stark zugenommen hat. "Wir haben eine 250- bis 300-fache Zunahme der Verunreinigung der Arktis vom Beginn des Mittelalters im Jahr 500 vor Christus bis in die 1970er Jahre registriert", so Koautor Nathan Chellman vom DRI. Seit der Umsetzung von Umweltschutzmaßnahmen sei die Bleibelastung jedoch wieder um rund 80 Prozent zurückgegangen. Dennoch liege sie heute 60 Mal höher als zu Beginn des Mittelalters.

Relevanz für Historiker

Die Modelle zeigen auch, dass die Kerne aus Russland mehr die europäische Vergangenheit widerspiegeln als jene aus Grönland.

Die Erkenntnisse seien nicht nur für Umweltwissenschafter von Relevanz, betonen die Studienautoren. "Die Aufzeichnungen liefern auch Historikern ein Verständnis dafür, auf welche Art und Weise Gesellschaften und ihre Volkswirtschaften auf externe Faktoren wie Klimastörungen, Seuchen oder politische Unruhe reagiert haben", erklärt der Archäologe Andrew Wilson von der University of Oxford.