Johann Gottfried Herder (1744-1803). - © Ullsteinbild/United Archives
Johann Gottfried Herder (1744-1803). - © Ullsteinbild/United Archives

Niemand liest noch Herder. Dabei war er einer der größten Anreger der deutschen Geistesgeschichte, dessen Wirken weit über die Sprachgrenzen hinaus reichte. In Kultur, Sprache, Dichtung, Religion, Gesellschaftsleben lehrte er, die Phänomene geschichtlich zu begreifen. Damit gilt Herder als der Schöpfer des Historismus.

Die Entwicklung der Geschichte erschien ihm als ein Humanum: als das die menschliche Existenz entscheidend bestimmende Element. Die weit ausgreifende Erkenntnisphantasie des theologisch gebildeten Polyhistors gab den Tatsachen eine metaphysische Beziehung. So verband er Gott mit Natur, Religion mit Geschichte, Kultur mit Menschenverstand. Die Bildungsphilosophie dieses Universalisten galt der Weiterentwicklung dessen, was er - in eigener Prägung - "Humanität" nannte.

Herders Leben und Werk erzählt vom Abenteuer der Gefühlskultur und damit von einem eigenwüchsigen Denken im 18. Jahrhundert; vom Aufbau einer Gegenwelt zur rationalistischen Aufklärung der Französischen Revolution - und wie diese Gefühlserkenntnisse als Brücke in unsere Gegenwart herüberreichen.

Sprache & Erkenntnis

Eine entscheidende Bedeutung für seine empirische Anthropologie wies Herder der Sprache zu. "Wir sind Sprachgeschöpfe", schrieb er. Im Widerspruch zur französischen Aufklärung bestand er in seiner "Abhandlung über den Ursprung der Sprache" (1772) darauf, dass es nicht Sprache an sich gibt, sondern nur Sprachen in ihren vielfältigen geschichtlichen Entwicklungen. "Schon als Tier hat der Mensch Sprache", lautet der provokante Einleitungssatz. Von klein auf dienen die "Töne der Natur" dazu, auf sich aufmerksam zu machen. In der weiteren Entwicklung des Individuums wird die kommunikative Notwendigkeit der Sprache bedeutungsvoll: Im Unterschied zum Tier setzt sich der Mensch in Distanz zur Welt (Herder nennt es "Besonnenheit") und macht die Sprache zum Mittel von Erkenntnis.

Die Sprache sei "eine große Schatzkammer, in welcher die Kenntnisse aufbewahrt liegen, die dem ganzen Menschengeschlecht gehören". Das Verhältnis des Individuums zur Gesellschaft wird klar bestimmt: "Kein einzelner Mensch ist für sich da, er ist in das Ganze des Geschlechts eingeschoben, er ist nur Eins für die fortgehende Folge." Diese "Kette der Bildung" bildet das Zentrum von Herders anthropologischen Überlegungen: "So gern der Mensch alles aus sich selber hervorzubringen wähnet, so sehr hanget er doch in der Entwicklung seiner Fähigkeiten von andern ab." Herders Schlüsselwort dafür lautet "Bildung", weshalb er weitreichende reformerische Schulpläne entwarf.