Leipzig/Wien. Erstmals können Forscher das Aussehen des Australopithecus anamensis, dem ältesten Mitglied der Australopithecus-Familie, nachbilden. Möglich macht dies ein 3,8 Millionen Jahre alter Schädel, der im Februar 2016 in der Afar-Region in Äthiopien entdeckt worden war. Zuvor waren lediglich Fragmente anderer Körperteile aufgetaucht.

Der Schädel wurde 2016 in der Afar-Region gefunden. - © Cleveland Museum of Natural History/Yohannes Haile-Selassie
Der Schädel wurde 2016 in der Afar-Region gefunden. - © Cleveland Museum of Natural History/Yohannes Haile-Selassie

Australopithecus anamensis lebte vor 4,1 bis 3,6 Millionen Jahren und war ein Vorfahre des A. afarensis. Berühmtestes Mitglied dieser Familie ist Lucy, deren Körper- und Gesichtsformen schon seit Jahren bekannt sind. Die Skelettteile des vermutlich weiblichen Individuums der Gattung A. afarensis waren schon im Jahr 1974 entdeckt worden. Noch frühere Nachbildungen gibt es lediglich von Menschenaffen der Gattung Ardipithecus, die vor rund sechs Millionen Jahren lebten. Der Fund gibt damit erstmals Aufschluss über die evolutionäre Entwicklung des Gesichts vom Menschenaffen hin zum Vormenschen. Er zeigt aber auch, dass die Spezies A. anamensis und A. afarensis über einen Zeitraum von etwa 100.000 Jahren koexistierten.

Eine Nachbildung des "MRD". - © Cleveland Museum of Natural History/MattCrow
Eine Nachbildung des "MRD". - © Cleveland Museum of Natural History/MattCrow

"Es ist gut, dem Namen endlich ein Gesicht zuordnen zu können", freut sich Stephanie Melillo vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie. Der Schädel wurde im Rahmen des Woranso-Mille-Projekts in Äthiopien entdeckt. Seit 2004 sind mehr als 12.600 fossile Überreste gefunden worden, die rund 85 Säugetierspezies zugeordnet werden können. Die Kollektion beinhaltet rund 230 menschliche Knochenfossile.

Während Paleoanthropologen den MRD genannten Fund analysierten, bemühten sich Geologen, dessen Alter herauszufinden, indem sie nahe gelegenes Vulkangestein untersuchten. Beverly Saylor von der Case Western Reserve University analysierte zudem biologische Überreste an der Fundstelle, um die damalige Landschaft, Vegetation und das Wasservorkommen auszumachen. "MRD lebte in einer trockenen Region nahe einem großen See", zkizziert Koautorin Naomi Levin von der University of Michigan.

MRD verfügt über einen Mix von Eigenschaften in Gesicht und Schädel, die die Forscher so nicht erwartet hätten, wie sie im Fachblatt "Nature" betonen. Manche Eigenschaften zeigen sich auch bei späteren Spezies, andere wiederum hatten sie gemeinsam mit wesentlich älteren Vorfahren, wie dem Ardipithcus oder dem Sahelanthropus. "Bis jetzt hatten wir ein großes Loch von einer Zeitspanne zwischen vor sechs und zwei Millionen Jahren. Einer der aufregendsten Aspekte des Fundes ist die Entdeckung, wie sich die morphologischen Eigenschaften über diese Gruppen hinweg veränderten", betont Melillo.