Die viereinhalb Jahre Kampfmaßnahmen während des Ersten Weltkriegs bedeuteten eine neue Dimension in der Geschichte der Gewalterfahrung und Gewaltverdichtung der Moderne. Rund 40 Prozent der Kriegstoten waren Zivilisten. Das war eine Opferzahl in weit kürzerem Zeitausmaß als im Europa des Dreißigjährigen Krieges. Von 65 Millionen mobilisierten Soldaten waren 9,6 Millionen gefallen. Die neu entstandenen Staaten hatten für Millionen von Witwen, Waisen und Kriegsversehrten zu sorgen. Zu den Millionen Kriegstoten kamen von Frühjahr 1918 bis März 1920 die vielen Opfer der sogenannten Spanischen Grippe. Sie forderte mehr Opfer als der Krieg selbst.

Die Kriterien und Maßstäbe von Recht und Unrecht hatten sich durch den Krieg völlig verschoben, was sich in der Regelung der sogenannten Friedensverträge von 1919/20 und der Nachkriegsstruktur Europas manifestierte, die Arnold Suppan bezogen auf St. Germain und Trianon die "imperialistische Friedensordnung Mitteleuropas" nennt. Sowohl US-Präsident Wilson als auch der britische Premier Lloyd George waren für Verhandlungen mit dem ehemaligen Kriegsverbündeten Russland, das sich allerdings mitten in einem verheerenden Bürgerkrieg befand. Frankreichs Premier Clemenceau und der italienische Außenminister Sonnino widersprachen jedoch und verhinderten es. Als "Kompromiss" wurde Russland nur zu Verhandlungen auf die Prinzeninseln im Marmara-meer eingeladen, aber es lehnte ab. Damit war eine Vorentscheidung getroffen worden und der Osten Europas praktisch vom Frieden ausgeschlossen.

Der Friede als Diktat

Es sollte 1919/20 keine gesamteuropäische Friedenskonzeption geben. Mit den Verliererstaaten fanden keine Verhandlungen statt. Sie mussten die ihnen auferlegten Bedingungen unterzeichnen. Das traf in Versailles für das Deutsche Reich am 28. Juni 1919, in Saint Germain-en-Laye am 10. September 1919 für Österreich, in Neuilly-sur-Seine am 27. November 1919 für Bulgarien und in Trianon für Ungarn am 4. Juni 1920 zu. Alle öffentlichen Proteste halfen nichts. Es waren Diktate zur Friedenserzwingung. Frankreichs Marshall Ferdinand Foch nannte Versailles "einen Waffenstillstand auf 20 Jahre". Der "Krieg in den Köpfen" (Gerd Krumeich) ging weiter.

Die alten imperialen Ordnungen waren zerfallen. Zwischen dem Deutschen Reich und der Sowjetunion einerseits und Italien mit dem Schwarzen Meer andererseits entstanden insgesamt 13 neue Staaten: Finnland, Estland, Lettland, Litauen, Polen, die Tschechoslowakei, Ungarn, Österreich, Jugoslawien, das vergrößerte Rumänien, Albanien und die Türkei sowie vorübergehend auch die Ukraine. Die von Frankreich vorgeschlagenen Donauföderationspläne blieben, zumal sowohl das Vereinigte Königreich als auch die USA kein Interesse daran hatten, geschweige denn diese zu unterstützen bereit waren.