Staatsgesetzblatt für die Republik Österreich vom 21. Juli 1920: Verkündung des Vertrages von Saint-Germain-en-Laye. - © Abb.: Archiv
Staatsgesetzblatt für die Republik Österreich vom 21. Juli 1920: Verkündung des Vertrages von Saint-Germain-en-Laye. - © Abb.: Archiv

London und Washington betrieben - im Unterschied zu Paris - keine spezifische Nachkriegspolitik für Mittel- und Osteuropa. Statt die wirtschaftliche Integration des Kontinents mit einer europäischen Freihandelszone zu fördern, zog man auf den Karten Europas neue Grenzen. Über 10.000 Kilometer Handelsbarrieren waren im Zeichen der Neuvermessung der Alten Welt im Sinne von Zollschranken entstanden, die wirtschaftliche Abschottung und neue politische Konfliktpotentiale und Minderheitenprobleme erzeugten.

Die Konstituierung des Völkerbundes am 10. Jänner 1920 bedeutete zwar noch keinen Durchbruch, aber einen Fortschritt hinsichtlich internationaler Zusammenarbeit. Die Satzung sah allerdings keinen Gewaltverzicht wie die spätere UN-Charta und nur ein relatives Kriegsverbot vor. Erschwerend hinzu kam das Fernbleiben von einer vertragsrechtlichen Zusicherung seitens der USA, deren Kongress die Pariser Friedensverträge nicht ratifizierte.

Führendes Frankreich

Die USA hatten den Ersten Weltkrieg entschieden, aber den Frieden verloren. Der europäischen Nachkriegsordnung blieb die Zustimmung der wesentlichsten westlichen Siegermacht versagt - welch Unterschied zur Zeit nach 1945, als die USA die Gründung der UNO förderten und so auch hinter dem Konzept der westeuropäischen Integration standen.

Mit den Pariser Vororte-Verträgen wurde Frankreich die führende Macht auf dem Kontinent. Es instrumentalisierte den Völkerbund für seine deutschlandpolitischen Interessen, was der Akzeptanz der Genfer Organisation nicht zuträglich war. Ihr sinkendes Ansehen fand Ausdruck in fluktuierenden Mitgliederbewegungen sowie zahlreichen Austritten (Deutschland 1933, Japan 1933, Italien 1937 und die UdSSR, die 1939 ausgeschlossen wurde). Nach Jahren der Etablierung und erster Achtungserfolge (1924-1931), v.a. in der Flüchtlingshilfe, folgte eine Phase nicht mehr zu bewältigender Konflikte (1931-1939), die angesichts des Zusammenbruchs der internationalen Staatenordnung zum Schattendasein und zur Selbstauflösung des Völkerbundes führte.

USA und Russland

Als Katalysator des globalen Vernichtungspotentials brachte der Erste Weltkrieg die Gewalt der Kolonisatoren aus den Kolonien in die Städte und Regionen der Mutterländer zurück, wo sie sich bündelte und entlud. Nun waren es Nachfahren ehemals Kolonisierter aus Überseegebieten, Asiaten und Afrikaner als Besatzungssoldaten, als Hafen- und Textilarbeiter und Beschäftigte in vergleichbaren Niedriglohnbereichen, die das gesellschaftliche Bild der Städte veränderten.

Panafrikanisten führten ab 1919 in den europäischen Metropolen erste Kongresse durch, an denen Repräsentanten aus den britischen Kolonien Westafrikas, der Karibik und den USA teilnahmen. Der Panafrikanismus wirkte stimulierend auf die sich bildenden nationalistischen Bewegungen Afrikas. Der Prozess der Dekolonisation nahm mit dem allmählichen Rückzug der europäischen Kolonialmächte Fahrt auf, was durch den Zweiten Weltkrieg mit der weiteren Schwächung der Staaten Europas beschleunigt wurde.