Doch ungeachtet der Tatsache, dass die Straßenbahnen notorisch überlastet waren und an einen U-Bahn-Bau vorläufig nicht zu denken war, dachte man seitens der Stadt- und Verkehrsplanung in Wien nicht an die Förderung des Fahrradverkehrs. So unterblieb der Ausbau der Radinfrastruktur im Roten Wien völlig.

Die wenigen neuen Radwegebauten der Zwischenkriegszeit entstanden erst Mitte der 1930er Jahre im "Ständestaat"-Regime. Während der Verzicht auf eine U-Bahn stets mit Hinweis auf die Kosten gerechtfertigt wurde, verlor man praktisch kein Wort über (den fehlenden) Radwegebau. Damit war eine langjährige Tradition der politischen und planerischen Ignoranz dieses Verkehrsmittels in Wien begründet worden, die möglicherweise bis heute nachwirkt.

"Rote Kavallerie"

Gleichzeitig besaß das Veloziped für die Arbeiterkultur und die Sozialdemokratie paradoxerweise eine große symbolische Bedeutung. Arbeiter-RadfahrerInnen hießen ja einst die "Rote Kavallerie" und durften auch im Roten Wien bei feierlichen Aufmärschen, so etwa vor dem Rathaus, nicht fehlen. Jedenfalls setzte in der wichtigsten Interessenvertretung der RadfahrerInnen die ideologische Öffnung gegenüber MotorfahrerInnen bereits im Laufe der 1920er Jahre ein. Dieser Wandel schlug sich auch in der Namensgebung nieder: Aus dem Arbeiter-Radfahrer-Bund wurde 1932 der Arbeiter-Rad- und Kraftfahrerbund Österreichs (ARBÖ).

Die sozialdemokratische Stadt reagierte auf die Veränderungen urbaner Mobilität nach dem Ersten Weltkrieg durchwegs pragmatisch, teilweise aber auch ideologiegeleitet. Dabei zeigte sich: Im Verkehrsbereich bevorzugte man ebenfalls zentralistische Organisationsstrukturen und kollektive Mobilitätsformen. Gleichzeitig wies die Verkehrsplanung im Roten Wien mit ihrer beginnenden Zuwendung zum motorisierten Individualverkehr bereits in Richtung einer späteren, an Straßenbau und Automobilität orientierten Verkehrspolitik - und blieb damit letztlich widersprüchlich. Dennoch zeigte das Beispiel der Kraftwagenabgabe, wiewohl diese finanz- und nicht verkehrspolitisch motiviert war, bemerkenswerte Potenziale auf: Selbst angesichts allgemeiner, scheinbar unaufhaltsamer Trends war es auf lokaler Ebene möglich, ins Geschehen lenkend einzugreifen.