"Der reisende Teutone scheint es als seine feierliche Pflicht zu betrachten, von jeder Station seiner Reise eine Postkarte zu schicken, als befände er sich auf einer Schnitzeljagd. Seine erste Sorge, nachdem er ein einigermaßen bemerkenswertes Reiseziel erreicht hat, ist es, ein Gasthaus zu finden, wo er abwechselnd sein Bier trinkt und Postkarten adressiert."

Als die englische Zeitung "The Standard" im Jahre 1899 diese süffisante Beobachtung druckt, gibt es die Postkarte schon seit drei Jahrzehnten. Am 1. Oktober 1869 waren die damals noch so genannten "Correspondenzkarten" von der österreichisch-ungarischen Post zum Versand zugelassen worden. Der zuständige General-Post-und-Telegraphen-Direktor griff damit einen Vorschlag auf, den der Nationalökonom Emanuel Herrmann zu Beginn desselben Jahres in der Wiener "Neuen Freien Presse" gemacht hatte.

Bereits vier Jahre zuvor hatte der preußische Geheime Postrat Heinrich Stephan kritisiert, dass "die jetzige Briefform für eine erhebliche Anzahl von Mittheilungen nicht die genügende Einfachheit und Kürze" erlaube. Sein Argument war also die Kommunikationsrationalisierung - in einer Zeit, in der es das Telegramm als elektromagnetisch übertragende Nachricht schon gab.

Dort bestimmte die Länge der Nachricht die Höhe der Gebühr, weshalb sich ein bewusst knapp gehaltener "Telegrammstil" herausbildete. Diesem Vorbild folgend, hatte Herrmann vorgeschlagen, den Inhalt der Correspondenzkarte auf zwanzig Wörter zu begrenzen. Dazu kam es nicht - die Kontrolle der Texte wäre wohl zu aufwendig gewesen. Außerdem zwang schon das kleine Papierformat zur Kürze.

Drucktechnik

Die frühen Correspondenzkarten wurden nur auf der Rückseite beschrieben. Die Vorderseite war für die Adresse des Empfängers und das eingedruckte Postwertzeichen reserviert. Da im Unterschied zum Brief der verhüllende Umschlag fehlte, verzichteten Absender und Empfänger gleichermaßen auf das Wahren des Postgeheimnisses. Dies wurde durch ein ermäßigtes Porto honoriert (am Beginn zwei Kreuzer - statt fünf Kreuzer für einen Brief). So entwickelte sich die Postkarte schnell zum Verkaufsschlager. In Österreich wurden bereits im ersten Monat 1,4 Millionen Postkarten verkauft; und innerhalb eines Jahrzehnts folgten mehr als zwanzig Länder in aller Welt dem österreichischen Beispiel.

Dieser bemerkenswerten Expansion folgte sehr bald eine Differenzierung des Angebots. Die Fortschritte der Drucktechnik erlaubten am Ende des 19. Jahrhunderts zunächst die Verwendung von Farbe, zum Beispiel bei der Farblithographie, und später auch den Fotodruck. Damit war die Ansichtskarte geboren. In der bis heute gültigen Form reserviert sie auf der Rückseite links Raum für Mitteilungen und rechts für die Anschrift des Empfängers.