Die Schere zwischen Arm und Reich öffnete sich schon vor 4000 Jahren. Spätestens seit der Bronzezeit existieren soziale Unterschiede in der Gesellschaft, berichten die Universitäten München und Tübingen und das Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena. Archäologische und archäo-genetische Auswertungen, die das Team an Funden aus bronzezeitlichen Gräberfeldern im Lechtal nahe der süddeutschen Stadt Augsburg gemacht hat, zeigen, dass Menschen von unterschiedlichem Status auch in ein und denselben Haushalten lebten, schreibt das Team im Fachmagazin "Science".

Die Bronzezeit umfasst in Mitteleuropa den Zeitraum von 2200 bis 800 vor Christus. Damals begann die Menschheit, Bronze aus Kupfer und dem härteren Zinn herzustellen. Der Zugang zu den Metallen, die Fähigkeit, die Legierung herzustellen und zu verarbeiten, und die Beherrschung der Handelswege führten dazu, dass sich eine Oberschicht und soziale Unterschiede ausprägten. Bronze machte es möglich, bewegbaren Reichtum anzuhäufen, auch zumal Bronzebarren als Zahlungsmittel verwendet wurden.

Gesinde oder Sklaven?

Hochrangige Bestattung einer Frau fremder Herkunft nahe Augsburg. - © bunterhund/ABK Süd/Univ. Tübingen
Hochrangige Bestattung einer Frau fremder Herkunft nahe Augsburg. - © bunterhund/ABK Süd/Univ. Tübingen

Schon im Jahr 2017 hatte das Team um Philipp Stockhammer, Professor für Prähistorische Archäologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München, anhand von DNA-Analysen von Grabfunden entdeckt, dass in der frühen Bronzezeit zahlreiche Frauen aus Böhmen und Mähren zur Familiengründung zuzogen. Die Männer stammten hingegen aus der Region. Den Frauen kam beim Transfer von Wissen eventuell eine entscheidende Rolle zu. Überregionale Netzwerke wurden offenbar durch Heiraten und institutionalisierte Formen von Mobilität gepflegt.

Nun berichten Stockhammer und seine Kollegen, wie die wohlhabenden Familien mit den fremden Frauen zusammenlebten. Sowohl die biologisch verwandten Familienmitglieder als auch die nichtverwandten Frauen genossen einen höheren Status im Haushalt. Weiters lebten sie mit sozial niedriger gestellten Personen unter einem Dach. Das schließen die Forscher aus den Grabbeigaben. Darüber, ob es sich bei den ärmeren Individuen um Gesinde oder Sklaven handelte, lasse sich aber nur spekulieren.

Die Ausgrabungen südlich von Augsburg ermöglichten es den Archäologen, "auf bisher ungeahnte Weise tief in die Bronzezeit einzutauchen und zu untersuchen, wie sich der Umbruch von der Steinzeit zur Bronzezeit auf die Zusammensetzung der damaligen Haushalte auswirkte", berichten sie. "Reichtum korrelierte entweder mit biologischer Verwandtschaft oder Herkunft aus der Ferne", wird Stockhammer in einer Aussendung der Uni Tübingen zitiert. "Doch in jedem Bauernhof haben wir auch arm ausgestattete Personen lokaler Herkunft gefunden. Dieser Befund spricht für eine komplexe Sozialstruktur von Haushalten, wie sie aus dem klassischen Griechenland und Rom bekannt ist." So waren im Alten Rom Sklaven Teil der Familie, hatten aber einen anderen sozialen Status.

Reichtum wurde vererbt

Die Menschen im Lechtal lebten mehr als 1500 Jahre früher. "Das zeigt erstmals, wie weit die Geschichte sozialer Ungleichheit in Familienstrukturen zurückreicht", sagt Stockhammer. Im Lechtal wurden Waffen und aufwendiger Schmuck nur eng verwandten Familienmitgliedern und den Frauen, die aus 400 bis 600 Kilometer Entfernung in die Familie gekommen waren, ins Grab mitgegeben.

Um den Verwandtschaftsverhältnissen auf den Grund zu gehen, untersuchte Alissa Mittnik von der Harvard Medical School in Cambridge, Massachusetts, die DNA und die Isotopenwerte der Knochenfunde von 104 Individuen. Die Erkenntnisse deuten auf eine komplexe Sozialstruktur hin, wie sie zuvor bei frühgeschichtlichen Kulturen nicht bekannt gewesen war. Waffen und Schmuckstücke als Grabbeigaben bestätigen auch, dass Reichtum und damit der Sozialstatus an die Kinder weitervererbt wurde. Nicht jeder konnte es bis nach oben schaffen.