1926 war ein gutes Jahr für Mitteleuropa. Nach langen Jahren des Krieges und der Krisen ging es endlich wieder aufwärts. Im September dieses Jahres hielt ein renommierter Bankier aus Zürich einen Vortrag an der Universität Wien.

Das Thema: die Zukunft der europäischen Wirtschaft. Der Vortragende, Felix Somary, war gebürtiger Wiener. Hier, in der Metropole der Donaumonarchie, hatte er Nationalökonomie studiert, hier hatte er schon in jungen Jahren den Ruf erworben, in seinem Fachgebiet ein richtiggehendes Genie zu sein. Seine sozioökonomisch-politischen Prognosen trafen in der Regel mit erstaunlicher Genauigkeit ein. Kein Wunder, dass das Publikum an diesem Abend gebannt an seinen Lippen hing.

Was Somary zu verkünden hatte, war schockierend. Europa nähere sich rasant der Zahlungsunfähigkeit. Der sich ankündigende Aktienboom in New York sei die größte Gefahr, die der europäischen Wirtschaft drohen könne. Denn nun würden die Amerikaner ihr Geld nicht mehr in Form von kurzfristigen Krediten in Europa anlegen, sondern es an der Börse investieren. Am Ende dieser Entwicklung stünden unweigerlich Börsencrash, Staatsbankrott und Bankenvernichtung.

"Politischer Meteorologe"

Mit derartigen Kassandrarufen machte sich Somary keineswegs beliebt. In den angelsächsischen Ländern belegte man ihn wegen seiner düsteren Prognosen mit dem ironisch-abschätzigen Beinamen "The Raven of Zürich". Somary trug ihn wie einen Ehrentitel. Er selbst sah sich als "politischer Meteorologe". Als im Sommer 1929 die Aktien an der Wall Street wie zum Hohn auf Somarys Warnungen besonders kräftig zulegten, machte sich die Fachwelt über ihn lustig. Die Kurse, hieß es, seien noch weit von ihrem Höhepunkt entfernt. Von Niedergang keine Spur. Aber im September stoppte die Aufwärtsentwicklung der Wall Street plötzlich, und Anfang Oktober brach Österreichs zweitgrößte Bank, die Bodencreditanstalt, zusammen. Für Somary waren es untrügliche Zeichen, dass eine weltweite Finanzkatastrophe bevorstand.

Der Zufall wollte es, dass Somary Ende Oktober 1929 zu Verhandlungen mit Bankpartnern in New York City eintraf. Bei geschäftlichen und privaten Gesprächen konnte er sich nur über die Überheblichkeit der US-Banker wundern. Sie wollten das Ausmaß der Krise partout nicht wahrhaben. Er selbst kabelte nach Zürich: "Haltet Klienten vom Markt fern. Krise ist erst im Beginn."

"Kreuger-Crash"

Die weitere Entwicklung bestätigte seine schlimmsten Befürchtungen. Bei einem Vortrag in London Ende 1930 führte Somary aus, dass die Wiederherstellung des politischen Vertrauens die wichtigste Bedingung für die Liquidierung der Krise sei. Wenn England es nicht gelinge, Deutschland und Frankreich zusammenzuführen, so werde die jetzige Krise nur Vorspiel einer dunklen Periode sein, die künftig den Namen tragen werde: "Zwischen zwei Kriegen".