Robert-Musil-Denkmal in Genf. Im "Mann ohne Eigenschaften" heißt es: "Man kann nirgends einen ausreichenden Grund dafür entdecken, dass alles gerade so kam, wie es gekommen ist; es hätte auch anders kommen können." - © Fanny Schertzer
Robert-Musil-Denkmal in Genf. Im "Mann ohne Eigenschaften" heißt es: "Man kann nirgends einen ausreichenden Grund dafür entdecken, dass alles gerade so kam, wie es gekommen ist; es hätte auch anders kommen können." - © Fanny Schertzer

Aber nicht nur der Protagonist zaudert oft, auch die Handlung des Romans selbst schreitet nur langsam voran, denn sie bildet vor allem den Rahmen für zahlreiche Reflexionen und Betrachtungen über das Leben in modernen Zeiten. Wie ein Mäander wälzen sich diese dahin, kommen von einem zum anderen und finden ihren Weg zu ganz neuen Themen.

Die Zufälligkeit der menschlichen Entwicklung und die zahllosen Möglichkeiten, die nicht Wirklichkeit wurden, rücken immer wieder in den Mittelpunkt der Betrachtungen, denn: "Man kann nirgends einen ausreichenden Grund dafür entdecken, dass alles gerade so kam, wie es gekommen ist; es hätte auch anders kommen können." Bei diesen Grübeleien kommen auch die Vorbereitungen für die Feierlichkeiten nur schleppend in Gang. Graf Leinsdorf, der Vorgesetzte von Ulrich, soll sie koordinieren, ist aber alles andere als ein Freund rascher Entschlüsse.

Viele Vorschläge, wie man das Jubiläum würdig begehen könnte, werden von ihm auf die lange Bank geschoben und mit dem Vermerk "Ass." versehen: "Die Zauberformel hieß ,Asserviert‘, auf Deutsch soviel wie ,Zu späterer Entscheidung aufgehoben‘, und war ein Vorbild der Umsicht, die nichts verloren gehen lässt und nichts übereilt."

Es überrascht nicht, dass neben den handelnden Personen auch dem Staat Kakanien, in dem die Feierlichkeiten abgehalten werden sollen, etwas Zauderndes und Bedächtiges anhaftet. Denn in diesem Staat gibt es zwar "Tempo, aber nicht zuviel Tempo", er steht für "Aufgehaltenwerden, Nichtsichentwickeln, Steckenbleiben". Musil starb (1942), ehe er den Roman zu Ende bringen konnte. So fiel auch beim Verfassen dieses Buches, in dem es um das Verschieben von Entscheidungen geht, keine - und es bleibt offen, welchen Fortgang die Erzählung nehmen hätte sollen.

Auch in der russischen Literatur gibt es ein bekanntes Beispiel für Zögerlichkeit und ihre Auswirkungen, nämlich Ilja Oblomow. Er ist der Protagonist des gleichnamigen Romans, der von Iwan Gontscharow 1859 veröffentlicht wurde. Als Kind wurde Oblomow von seiner Familie und den Dienstboten verzärtelt, jeder Wunsch wurde ihm von den Augen abgelesen. Als junger Mann zog er nach Petersburg, nahm eine Stelle an, doch schon bald verließ ihn die Lust an der geregelten Arbeit. Aufträge erfüllen und herumkommandiert werden, das war nicht nach seinem Geschmack.

Meister im Verschieben

Seitdem verbrachte er seine Tage auf dem Diwan, trank Tee und überlegte, was er tun könnte. Es blieb aber jeden Tag bei der Überlegung, denn Oblomow wurde immer träger und entwickelte eine Meisterschaft im Verschieben. Er zauderte vor jeder Entscheidung so lange, bis die sich ihm bietenden Möglichkeiten vertan waren. Er verliebte sich, die Angebetete machte ihm Hoffnungen - doch Oblomow wartete, zögerte, setzte den nächsten Schritt nicht. So verpasste er die Chance, seine große Liebe zu heiraten und verlor sie an seinen deutschstämmigen und zupackenden Freund, der in jeder Hinsicht das Gegenstück zu Oblomow darstellt.