"Oblomow"-Autor Iwan Gontscharow.
"Oblomow"-Autor Iwan Gontscharow.

Mehr als ein halbes Jahrhundert nach seinem Erscheinen sollte dieser Roman politische Folgen haben: Lenin sah im Nichtstun, in der Unentschlossenheit und Dekadenz des Oblomow ein Sinnbild für alles, das in Russland falsch lief. Er war der Meinung, dass man gegen träge und wenig produktive Menschen wie Oblomow vorgehen müsse, um den von den Bolschewiken ersehnten Fortschritt zu erzielen - die katastrophalen Folgen dieser Denkart sind bekannt.

Zurück zur Literatur. Hier gibt es noch weitere Beispiele für jene, die sich mit Entscheidungen schwertun und diese nur ungern treffen. Seit Christian Morgenstern wissen wir, dass das Zaudern nicht nur für Menschen, sondern auch für Tiere ein Problem sein kann. In seinem Gedicht "Gespräch einer Hausschnecke mit sich selbst" fragt sich die Schnecke: "Soll i aus meim Haus raus? Soll i aus meim Haus nit raus? Einen Schritt raus? Lieber nit raus?"

Die Schnecke grübelt lange, verfängt sich allerdings in ihren eigenen Gedanken und muss schließlich die Entscheidung der Frage verschieben.

Die Brücke von den zaudernden Figuren aus der Literatur hin zur Realität schlägt der deutsche Kulturwissenschafter Joseph Vogl, der sich intensiv mit dem Zaudern auseinandergesetzt hat. Für ihn unterbricht es "Handlungsketten und wirkt als Zäsur, es führt in eine Zone der Unbestimmtheit zwischen Ja und Nein", wie er in seinem Bändchen "Über das Zaudern" schreibt.

Vogl warnt aber davor, das Zaudern als einen Ausdruck von Faulheit zu verstehen, er betrachtet es vielmehr als einen sehr aktiven Zustand, in dem eine Art von Forschung betrieben wird. Sobald man allerdings zu Ende geforscht hat und sich auf eine der Möglichkeiten festgelegt hat, geht es uns allen wie dem Mann ohne Eigenschaften: "Man hat Wirklichkeit gewonnen und Traum verloren."