Die berühmte Pressekonferenz mit SED-Politbüro-Mitglied Günter Schabowski (Mitte) am 9. November, bei welcher er von einem "unverzüglichen" Inkrafttreten der Grenzöffnung sprach. - © ullsteinbild-Giribas
Die berühmte Pressekonferenz mit SED-Politbüro-Mitglied Günter Schabowski (Mitte) am 9. November, bei welcher er von einem "unverzüglichen" Inkrafttreten der Grenzöffnung sprach. - © ullsteinbild-Giribas

Ob der Zusammenbruch der sowjetischen Wirtschaft der entscheidende Grund für diese Entwicklung war, oder ob Gorbat-schow aus innerer Erkenntnis mit Glasnost und Perestroika einen neuen Systemwandel einläutete, bleibt die große Frage. Der beabsichtigte Systemwandel kam jedenfalls zu spät, geriet schon bald außer Kontrolle und führte letztlich zum überraschend schnellen Zerfall der Sowjetunion in Einzelstaaten und zur bekannten Entwicklung in Deutschland und Osteuropa.

Dass Gorbatschow dabei nicht für alle Sowjetmenschen der große Held ist, wurde in einem Interview deutlich. Als für die ARD-Fernsehdokumentation "Bonner Republik" der ehemalige Regierungschef der Sowjetunion, Nikolai Ryschkow, gefragt wurde, ob Gorbatschow die Sache aus dem Ruder gelaufen sei, kam die vielsagende Gegenfrage: "Welches Ruder?" Dennoch ist eines klar: Gorbatschow bleibt die Schlüsselfigur in der nun einsetzenden Entwicklung, die in Polen mit der Gewerkschaft Solidarnosc begann und sich dann in Ungarn mit weitreichenden Konsequenzen für die DDR fortsetzte.

Stasi-Hinweise

Im Juni 1987 hatten Jugendliche in Ost-Berlin in Sprechchören den Abriss der Mauer gefordert und Gorbatschow-Rufe skandiert, während als erste Reaktion der DDR-Führung sowjetische Filme in der DDR verboten wurden. Höhepunkt dieser Entwicklung war das Verbot der kritischen sowjetischen Monatszeitschrift "Sputnik" im November 1988. Dazu passt die viel zitierte Äußerung von Kurt Hager, Mitglied des Politbüros der SED, dass, wenn der Nachbar seine Wohnung neu tapeziere, man sich nicht verpflichtet fühlen müsse, die eigene Wohnung ebenfalls neu zu tapezieren.

Die SED-Führung war insgesamt weder fähig noch bereit zur Reform. In ihrer gestörten Selbstwahrnehmung verschwamm die Realität, sodass die Parteispitze offenbar wirklich glaubte, mit Verboten und einer Anti-Gorbatschow-Kampagne Diskussionen in der Bevölkerung zu beenden. Das war ein fataler Irrtum, wie sich schon bald zeigen sollte.

Dabei fehlte es nicht an deutlichen Hinweisen vonseiten der Stasi auf die sich verschlechternde Lage. Im November 1988 hieß es in einer Analyse für Egon Krenz, Sekretär des Zentralkomitees der SED, "die gravierenden Mängel und Schwächen (z. B. Versorgungs-, Ersatzteilprobleme, Informationspolitik, Schönfärberei, reale demokratische Mitgestaltung etc.) werden immer deutlicher wahrgenommen und immer kritischer bewertet. An der Überlegenheit des Sozialismus wird immer mehr gezweifelt. Die Nichtöffnung in Richtung der Perestroika-Strategie spitzt alles noch zu."

Die SED-Führung verfügt zu diesem Zeitpunkt jedoch weder über alternative politische Konzepte noch über materielle Ressourcen, um dem wachsenden Unmut in der Bevölkerung durch eine kurzfristige Verbesserung des Lebensstandards zu begegnen. Die DDR hatte von der Substanz gelebt; als diese verbraucht war, fiel der sogenannte "erste Arbeiter- und Bauernstaat auf deutschem Boden" wie ein Kartenhaus in sich zusammen.