Es begann mit einem Loch. Arieh Bauer weist auf einen Plan, der den Grundriss der Schule zeigt. "Wir haben zu wenig Platz. Also machten wir uns auf die Suche nach Raum. Ich bohrte hier, wo ,Kellerraum zugeschüttet‘ steht, in die Wand", erklärt der Generalsekretär des Israelitischen Tempel- und Schulvereins Machsike Hadass in Wien. "Es gab keinerlei Aufzeichnungen, was man wie und wo zugeschüttet hatte, und auch keine statischen Angaben. Daher fotografierte ich mit einer Kamera in das Loch hinein, ähnlich wie die Sonde des Mars-Rovers Curiosity", führte er aus, als er dem Klub der Bildungs- und Wissenschaftsjournalisten diese Woche seine Schätze in der Talmud-Thora-Schule in der Wiener Malzgasse zeigte.

Die Kamera sah ein Gewölbe, das nicht intakt war. "Wir haben geschaufelt und weitergegraben. Bald kam ein Schulkalender aus 1929 zum Vorschein, dann verbrannte Kohle und plötzlich ein Grabstein", schilderte Bauer. Zunächst wussten er und seine Kollegen gar nicht, was sie mit der Mischung anfangen sollten. Doch dann gruben sie weiter in die Vergangenheit und zu einem der dunkelsten Momente der österreichisch-jüdischen Geschichte.

Handbemalte Glasfenster. - © Klaus Pichler
Handbemalte Glasfenster. - © Klaus Pichler

"Scherben mit hebräischer Inschrift und Brandspuren an den Wänden verrieten uns, was los ist. Wir hatten eine Zeitkapsel geöffnet", sagte Bauer. Eine Zeitkapsel, in der die Überreste der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938, als das nationalsozialistische Regime organisierte Gewaltmaßnahmen gegen Juden durchführte, gefangen waren. Die Räume wurden 1939 zugeschüttet. 2018 wurden sie erstmals geöffnet.

Hebräische Inschriften

In der Malzgasse 16 im zweiten Gemeindebezirk hat der jüdisch-orthodoxe Glaube Tradition. Um 1850 wurde auf freiem Bauland eine Vereinssynagoge für 100 Personen errichtet. Im Zuge eines Neubaus 1906 wurde die Synagoge nach hinten verlegt und eine Talmud-Thora-Schule dazu gebaut. Der Ort wurde auch für Vereinsveranstaltungen, Ausspeisungen und das erste jüdische Museum der Welt genutzt.

Eine Chanukka-Lampe. - © Klaus Pichler
Eine Chanukka-Lampe. - © Klaus Pichler

1938 wurden Synagoge und Schule in Brand gesetzt. Die Wiener Feuerwehr vermerkte den Einsatzbeginn: Am 10. November 1938 um 12.20 Uhr "brannte die 4stöckige israelitische Volksschule in allen Stockwerken, sowie das anschließende Bethaus. Es bestand die Gefahr eines Übergreifens des Feuers auf nebenan gelegene Wirtschaftsgebäude. Die Sicherung wurde mit 3 Schlauchlinien gelöscht." Noch am 13. November 1938 stellte die Feuerwehr "glimmende Brandreste" fest. Nach Recherchen des Schriftstellers Doron Rabinovici diente die Ruine ab 1939 als Siechenheim, danach als jüdisches Spital und danach als Sammellager zur Deportation. Die ehemalige Synagoge wird seit der Rückstellung der Liegenschaft und der Wiedereröffnung der Schule als Turnsaal genutzt. Heute befinden sich in der Malzgasse ein Kindergarten für Mädchen und Buben sowie eine Volks- und Neue Mittelschule für Buben.