Schon vor rund 12.000 Jahren dürften zumindest viele Wege nach Rom geführt haben. Genetische Untersuchungen weisen auf mindestens zwei große Migrationsbewegungen ins alte Rom hin. Bisher war relativ wenig über die Herkunft seiner Bewohner bekannt. Ein Forscherteam mit österreichischer Beteiligung gibt nun Einblick in die Besiedelung einer der ersten Großstädte der Antike und zeigt auf, wie sich die teils turbulente Geschichte der Metropole in ihrer Bevölkerung widerspiegelt.

Für ihre Studie haben die Wissenschafter 127 DNA-Proben von 29 Fundstätten in und um Rom gesammelt. Sie umfassen eine Zeitspanne von der Steinzeit bis ins Mittelalter. Eine Analyse der ältesten Proben zeigt ein ähnliches Bild wie in Europa. Vor ungefähr 8000 Jahren gab es einen Zustrom von Bauern, die hauptsächlich von frühgeschichtlich landwirtschaftlich tätigen Bevölkerungsgruppen in der Türkei und dem Iran abstammten, gefolgt von Bevölkerungsgruppen, die vor ungefähr 5000 bis 3000 Jahren vermehrt aus der ukrainischen Steppe stammten. Technische Fortschritte wie von Tieren gezogene Wägen, Straßennetze und Segelschiffe hatten die Menschen mobiler als je zuvor gemacht, und der Handel sowie andere Interaktionen zwischen den Bevölkerungsgruppen im Mittelmeerraum nahmen zu.

Ausgrabung eines Gemeinschaftsgrabs. An 29 Fundstätten wurde gesammelt. - © Michaela Lucci/Uni Wien
Ausgrabung eines Gemeinschaftsgrabs. An 29 Fundstätten wurde gesammelt. - © Michaela Lucci/Uni Wien

Zur Zeit der Entstehung Roms, die üblicherweise auf 753 vor unserer Zeit datiert wird, war die Bevölkerung der Stadt bereits sehr vielfältig und ähnelte modernen Völkern Europas und des Mittelmeerraums, heißt es in einer Aussendung der Universität Wien.

Neue Informationsquelle

Bei den Ausgrabungen wurden 127 DNA-Proben gesammelt. - © Michaela Lucci/Uni Wien
Bei den Ausgrabungen wurden 127 DNA-Proben gesammelt. - © Michaela Lucci/Uni Wien

"Dass wir auf so eine große genetische Vielfalt bereits zur Zeit der Entstehung Roms stoßen würden, hatten wir nicht erwartet. Die untersuchten Individuen hatten Vorfahren in Nordafrika, dem Nahen Osten und dem europäischen Mittelmeerraum", betont Ron Pinhasi vom Department für Evolutionäre Anthropologie der Uni Wien. Obwohl Rom als bescheidener Stadtstaat begann, hatte es innerhalb von 800 Jahren die Herrschaft über ein Reich erlangt, das sich im Westen bis nach Großbritannien, im Süden nach Nordafrika und im Osten bis nach Syrien, Jordanien und den Irak erstreckte, so die Forscher im Fachblatt "Science".

Die Abstammung der Bewohner war der Studie zufolge einem ständigen Wandel unterworfen. Sie geht aber hauptsächlich auf Vorfahren aus dem östlichen Mittelmeerraum und dem Nahen Osten zurück. In der Zeit der Römischen Republik und des Kaiserreichs erreichte die Metropole Einwohnerzahlen von über einer Million. Im ganzen Reich lebten etwa 70 Millionen Menschen. In der späten Antike und durch den Zerfall des Reiches wurde die Bevölkerung durch Kämpfe und Epidemien auf weniger als 100.000 Menschen dezimiert. Im Mittelalter und der frühen Neuzeit gab es wieder Zuwanderung.

Die Daten aus uralter DNA bieten eine neue Informationsquelle, die sich sehr gut mit der Sozialgeschichte der Bewohner in unterschiedlichen Epochen in Einklang bringen lässt, so Pinhasi, der die Studie gemeinsam mit Jonathan Pritchard von der Stanford University in Princeton und Alfredo Coppa von der Universität La Sapienza in Rom leitete. "Wir können nun Aussagen darüber treffen, wer zur Elite oder zu ärmeren sozialen Schichten gehörte, sowie familiäre Verbindungen zwischen Individuen nachweisen, die gemeinsam bestattet wurden."

Größe und Laktosetoleranz

In weiteren Studien wollen die Forscher die Interaktion zwischen den Mitgliedern unterschiedlicher gesellschaftlicher Schichten untersuchen. Doch abseits von Geschichte und Migration wollen sie noch anderen Gegebenheiten auf die Spur kommen: etwa der Evolution von Eigenschaften wie die Größe, der Laktosetoleranz und der Resistenz gegenüber Krankheiten wie Malaria. Diese dürften sich im Laufe der Zeit verändert haben.(gral/apa)