1915 schreibt die "Gmünder Zeitung" in ihrer 29. Ausgabe über den Unmut der lokalen Bevölkerung, die gleichen Warteräume und Abortanlagen wie die Flüchtlinge benutzen zu müssen, wobei die Seuchengefahr als Grund genannt wird.

Ebenfalls 1915, vor Errichtung einer Kläranlage, berichtet dasselbe Blatt von einer Beobachtung, "dass das Wasser des Lainsitzflusses riecht, infolge eines offenen Kanals, der die Abflusswässer aus dem Barackenlager in die Lainsitz führt". Der Artikel weist auf "eine riesige sanitäre Bedrohung unserer Bevölkerung" hin.

Schmalspurbahn

Natürlich kam es im Lager auch zu Diebstählen und Raufereien, was ebenfalls Eingang in die Medien fand. Eine vage Vorstellung der Verzweiflung vieler Insassen vermitteln immer wieder Berichte von Neugeborenen, die abgelegt und nur mehr tot gefunden wurden. Aber auch kuriose Vorfälle werden berichtet: Im Lager gab es eine schmalspurige Versorgungsbahn, die Güter vom Bahnhof zu den einzelnen Baracken brachte. Diese wurde von eingeschulten Flüchtlingen bedient. Auf Jugendliche, die in ihren Heimatorten keine Bahn kannten, übten diese kleinen Züge offenbar eine besondere Faszination aus.

1915 wurden, so berichtet die "Gmünder Zeitung", vier ruthenische Flüchtlinge vom "hiesigen Bezirksrichter" zu vierundzwanzig Stunden Arrest verurteilt, da sie trotz Verboten die kleine Bahn unbefugt in Betrieb genommen und als Passagiere benutzt hatten und diese "durch unvorsichtiges Fahren bzw. Bremsen (...) zum Entgleisen brachten".

Eigentlich war das Barackenlager mehr eine eigenständige Stadt als ein einfaches Lager, da es eine gut ausgebaute Infrastruktur besaß. Neben Versorgungs- und Bildungseinrichtungen gab es auch eine Postdienststelle, eine Kirche, einen Gendarmerieposten sowie Freizeit- und Kultureinrichtungen.

Besonders die Musik spielte im Lagerleben eine große Rolle. Die "Musiker- und Sängervereinigung im ukrainischen k.k. Barackenlager in Gmünd" entwickelte zahlreiche Aktivitäten und brachte unzählige Vorstellungen zustande. Der erwähnte Baumeister des Lagers, Hans Fürnsinn, auch ein großer Musikliebhaber, war in dieser Vereinigung tätig und hatte längere Zeit die Leitung inne.

Für Erwachsene, die nicht im Lager arbeiten konnten, wurden "Beschäftigungskurse" und bei Bedarf Alphabetisierungskurse angeboten.

Ab Sommer 1915 gab es sogar ein Kino im Lager, das zwar ohne Konzession arbeitete, aber von der Behörde geduldet wurde.

Das Ende des Lagers

Mit Ende des Krieges dachte man, dass auch der Zweck des Lagers obsolet sei, da die meisten Flüchtlinge in ihre Heimatländer zurückkehrten. Doch durch die neue Grenzziehung kamen viele Deutschsprechende aus den nunmehr tschechischen Gebieten nach Gmünd und brauchten Wohnraum, den sie vorerst auf dem Lagergelände fanden.